9. Welche Sonne soll nicht über unserem Zorne untergehen?
Von dieser Sonne spricht Gott offenbar zu dem Propheten1 mit den Worten: „Denen aber, die meinen Namen fürchten, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen und Heilung an ihren Flügeln.“ Von ihr heißt es ferner, daß sie den Sündern und falschen Propheten und Denen, welche zürnen, untergehe mitten am Tage, indem der Prophet2 sagt: „Unter geht ihnen die Sonne am Mittage.“ Ganz gewiß soll in übertragenem Sinne der Verstand, d. i. der νοῦς [nous] oder die Vernunft, welche dazu bestimmt ist, alle Gedanken und Entschließungen des Herzens zu erleuchten, und deßhalb mit Recht Same genannt wird, nicht erlöschen. Denn sonst würde nach ihrem Untergange die Finsterniß der Leidenschaft mit ihrem Urheber, dem Teufel, alle Sinne unseres Herzens in Besitz nehmen, und wir, von der Finsterniß des Zornes umfangen, würden, wie in finsterer Nacht, nicht wissen, was wir thun sollen. In diesem Sinne lebt das genannte Wort des Apostels in den Regeln der Väter fort. Diesen Sinn haben wir etwas weitläufig dargelegt, weil es vonnöthen war, zu wissen, was Diejenigen von dem Zorne hielten, die ihm nicht einen Augenblick den Eintritt in ihr Herz gestatten; beherzigen sie ja doch in seinem ganzen Umfang das Wort des Evangeliums:3 „Wer seinem Bruder zürnt, wird des Gerichtes schuldig sein.“ Wenn man übrigens bis Sonnenuntergang zürnen dürfte, so würden gewiß eher die sündhaften Leidenschaften den Ingrimm und die Regung des rachedürstigen Zornes bis zur Sättigung S. 184 stillen, als bis die Sonne sich zu dem Orte ihres Unterganges neigt.
