12. Man darf den Zorn nicht einen Augenblick lang hegen.
Wie sollte ferner der Herr dulden, daß wir den Zorn nur einen Augenblick behalten, da er uns ja nicht einmal die Darbringung des geistigen Opfers des Gebetes gestattet, wenn wir finden, daß Einer gegen den Andern irgend einen Groll hegt? Denn er spricht:1 „Wenn du deine Gabe zum Altare bringst und dort dich erinnerst, daß dein Bruder Etwas gegen dich hat, so lasse deine Gabe am Altare, und gehe hin, und versöhne dich erst mit deinem Bruder, und dann komme und bringe deine Gabe dar!“ Wie sollte es uns also gestattet sein, ich will nicht sagen bis zum Verlaufe mehrerer Tage, sondern nur bis zum Sonnenuntergang gegen unsere Brüder eine Mißstimmung zu hegen? Können wir ja nur dann Gott unsere Gebete darbringen, wenn gar Niemand Etwas gegen uns hat, und mahnt uns auch der Apostel:2 „Betet ohne Unterlaß!“ und:3 „An jedem Orte erhebt die reinen Hände sonder Zorn und Zweifelhaftigkeit!“ Es bleibt also nur noch übrig, entweder nie zu beten, wenn S. 186 wir ein solches Gift in unserm Herzen behalten wollen, und somit zu sündigen gegen dieses Gebot des Apostels und des Evangeliums, das uns befiehlt, unaufhörlich und überall zu beten; oder in unserer Selbsttäuschung ein Gebet gegen sein Gebot zu verrichten, wodurch wir, wie unser Gewissen uns sagt, dem Herrn nicht ein Gebet, sondern im Geist der Auflehnung ihm eine Schmach entgegenbringen.
