13. Fabel des Abtes Makarius vom Lohne des S. b402 Scheerers, die erdichtet wurde, um die Täuschungen des Teufels kennbar zu machen.
Darüber nun, daß ihr auch Andere retten zu können hofft und im Vertrauen auf größern Gewinn die Rückkehr ins Vaterland beschleuniget, mögt ihr nun auch noch eine gewisse Fabel des Abtes Makarius hören, die gar lieblich und passend erdichtet ist, und die er einem von ähnlicher Sehnsucht Entbrannten als Heilmittel in wohlangebrachter Erzählung vortrug. Er sprach also: „Es war in einer Stadt ein gar geschickter Scheerer, der Jeden um drei Denare 1 scheerte und, obwohl er nur diesen geringen, magern Lohn für seine Arbeit erhielt, dennoch aus dieser Summe seinen täglichen Lebensunterhalt bestritt und nach vollständiger Versorgung des Körpers noch jeden Tag hundert Denare in seinen Geldbeutel legte. Während er nun beständig diesen Gewinn zurücklegte, hörte er, daß in einer weit entfernten Stadt die Leute dem Scheerer je einen Solidus als Lohn verabreichen. Als er Dieß erfahren hatte, sprach er: Wie lange noch werde ich mit dieser Bettelei zufrieden sein, daß ich mit Mühe einen Lohn von drei Denaren erwerbe, während ich dorthin wandern und mit der Ungeheuern Einnahme von Goldstücken Reichthümer sammeln kann? So nahm er denn gleich die Instrumente seines Gewerbes, verwandte auf die Kosten Alles, was er hier seit lange gesammelt und aufbewahrt hatte, und kam mit vieler Anstrengung nach jener so gewinnreichen Stadt. Als er nun an dem Tage, an welchem er angekommen war, von einem Jeden den Lohn für seine Arbeit ganz dem Ge- S. b403 hörten gemäß erhalten hatte, eilte er gegen Abend, voll Freude über die große Zahl von Goldstücken, die er erworben sah, auf den Speisemarkt, um die für seine Labung nöthigen Speisen zu taufen. Da er nun angefangen hatte, diese um einen hohen Goldpreis zu erwerben, gingen alle Goldstücke, die er verdient hatte, für wenige Lebensmittel darauf, und er brachte nicht den Gewinn eines Denares heim. Wie er nun jeden Tag seinen Verdienst so verzehrt sah, daß er nicht nur Nichts sammeln, sondern kaum den nöthigen täglichen Vorrath ganz herbeischaffen konnte, da dachte er bei sich selbst nach und sprach: Ich will zurückkehren in meine Stadt und jenen so magern Gewinn wieder suchen, von welchem mir nach vollständiger Verpflegung des Leibes der tägliche Überschuß noch Etwas einbrachte, was für den Unterhalt im Greisenalter anwachsen konnte. Obwohl Dieß klein und gering schien, so erzeugte es doch durch die beständige Vermehrung keine so unbedeutende Summe. Gewinnreicher war mir also jener Erwerb von Münze, als dieser eingebildet von Goldstücken, bei welchem nicht nur Nichts zum Aufheben übrig blieb, sondern kaum die Bedürfnisse des täglichen Lebens bestritten werden konnten.“ Deßbalb also ist es für uns besser, die geringe Frucht dieser Einöde mit ununterbrochener Beständigkeit anzustreben, da sie keine zeitlichen Sorgen, keine weltlichen Zerstreuungen, keine ruhmsüchtigen und eitlen Überbebungen zerfressen und keine Unruhe wegen der täglichen Bedürfnisse sie verringert. „Besser ist das Wenige des Gerechten als die großen Reichthümer der Sünder.“ 2 besser mithin, als jenen größern Gewinn anzustreben, der, wenn auch erworben durch die erfolgreiche Bekehrung Vieler, doch durch die Notwendigkeit des weltlichen Umganges und durch die täglichen, schwächenden Zerstreuungen verzehrt wird. Denn nach dem Ausspruche Salomons 3 ist „besser eine Handvoll mit Ruhe, als zwei mit Mühe und Überspannung des S. b404 Geistes.“ In solche Täuschungen und Verluste kommen notwendig die noch sehr Schwachen hinein, wenn sie trotz der Unsicherheit über ihr eigenes Heil, und ungeachtet sie selbst noch fremder Lehre und Unterweisung bedürften, sich dennoch durch den Trug des Teufels zur Bekehrung und Leitung Anderer reizen lassen; und wenn, obwohl sie etwas Gewinn durch die Bekehrung Einiger hätten erlangen können, sie durch ihre Ungeduld und ihr ungeordnetes Benehmen Alles verlieren, was sie erworden hatten. Ihnen begegnet nemlich, was der Prophet Aggäus schreibt: 4 „Und wer Lohn sammelt, wirft ihn in einen durchlöcherten Sack.“ Denn wirklich birgt seinen Gewinn in einem durchlöcherten Sacke, wer immer Das, was er durch die Bekehrung Anderer zu gewinnen scheint, durch die Maßlosigkeit seines Herzens und die tägliche Zerstreuung des Gemüthes verliert. Und so wird es geschehen, daß Solche, während sie durch die Unterweisung Anderer einen reichern Gewinn erlangen zu können meinen, auch ihrer eigenen Besserung verlustig werden. „Denn es gibt Solche, die da sagen, daß sie reich seien, während sie Nichts haben, und es gibt, die sich in vielen Reichthümern demüthigen.“ 5 und: „Besser ist ein Mann, der in seiner Unberühmtheit sich selbst nützt, als Einer, der sich Würden erwirbt und kein Brod Hat.“ 6
Ein Denar ist bei Cassian nicht der römische Silberdenar = 10 Aß, sondern eine eherne Münze = 1 Aß. Ein Solidus oder Stater war eine Goldmünze von schwer zu bestimmenden Werthe; nach Einigen = 5 Gulden. Der Silbersolidus ist neuer. — Ein Aß galt zu Cicero’s Zeit kaum 3 unserer Markpfennige, früher viel mehr. ↩
Ps. 36, 16. ↩
Pred. 4, 6. ↩
Agg. 1, 6. ↩
Sprüchw. 13, 7. ↩
Sprüchw. 12, 9. Dieses Kapitel konnte wohl den Eifer, mit welchem manche Verfasser ascetischer Büchlein zur „brüderlichen Zurechtweisung“ auffordern, etwas dämpfen. Wohl gehört es für solche, die nach der Sammlung höherer Vollkommenheit streben, was hier gelehrt ist, oder wenn der hl. Bernhard sagt: „concha esto non canalis“ und in seiner 61. Rede zum hohen Lied so ausführlich und schön hievon redet. Auch die hl. Theresia spricht eben zunächst zu ihren Ordensgliedern, daß man sich um Andere nicht kümmern solle, eh man nicht eine sehr hohe Gebetsstufe erreicht habe. Deßhalb wollen wir also selbstverständlich den Uebrigen nicht alles Mahnen und Tadeln mit dieser Strenge verbieten. Wer genug Takt hat, es im Privatumgange zu üben, mag es thun; wer aber redlich ist, wird auch leicht erfahren können, ob er zu plump und aufdringlich dazu ist, und der schweige. Wer es aus der Kanzel und im Beichtstuhle zu thun hat, dem steht die Amtsgnade und das amtliche Recht zur Seite; aber im Privatleben geschieht darin oft zu viel. Der heil. Liguori, der in seiner Moral die Privaten hievon mehr zurückweist, scheint in seinem „vollkommenen Christ“ sie mehr zu ermuntern, wenn er Unwissenheit &c. nicht als Befreiungsgrund gelten läßt und sagt, es brauche zu dieser brüderlichen Zurechtweisung nur — die Liebe. Ja aber gerade die Liebe ist ja so schwer und selten, und gar Manche kleben mit ihrer Einbildungskraft dem Teufel der Tadelsucht schnell die Engelsflügel der Liebe an und lassen ihn nun lustig flattern. Ahmen wir den Klosterbruder nach, der zur Erklärung seiner vielen Bekehrungen sagte: „Ehe ich ein Wort an die Menschen richte, richte ich zuvor hundert an Gott!“ ↩
