17. Daß der schwächere Theil der Seele den teuflischen Versuchungen zuerst unterliege.
Wendet also für dieses Glied oder diesen Theil eurer Seele, den wir als besonders verwundet bezeichneten, die Arznei der wahren Demuth an; denn weil dieser, wie erhellt, schwächer ist als die übrigen Seelenkräfte in euch, so muß er nothwendig der feindlichen Anfechtung zuerst unterliegen. Wie es im menschlichen Körper zu geschehen pflegt, daß bei nachtheiligen Anlässen, die entweder aus einer uns zufallenden Arbeit oder aus der verdorbenen Lust S. b408 stammen, die schwachen Theile diesen Zufällen zuerst nachgeben und unterliegen, und die Krankheit erst, wenn sie in diesen besondern sich festgesetzt hat, auch die übrigen Körpertheile mit derselben Pest siech macht: so muß auch die Seele eines Jeden von uns, wenn gewissermaßen der Pesthauch der Laster weht, am meisten von jener Leidenschaft angegriffen werden, in welcher ein zarterer und schwächerer Theil derselben dem mächtigen Andringen des Feindes nicht so tapfer widersteht, und sie muß dort in die Gefahr der Gefangenschaft kommen, wo eine unvorsichtige Wache dem erleichterten Verrath den Zugang öffnet. So schloß ja auch Balaam 1 mit sicherm Grunde, daß das Volk Gottes verführt werden könne, als er den Rath gab, man solle den Söhnen Israels dort, wo er sie schwach wußte, die verderblichen Fallstricke legen. Er zweifelte nicht, daß, wenn ihnen die Benützung der Weiber angeboten würde, sie sogleich durch Unzucht zu Fall kommen würden, weil er wußte, daß der begehrende Theil ihrer Seele schlecht war. So versuchen auch einen Jeden von uns die bösen Geister mit schlauer Bosheit und legen besonders jenen Neigungen der Seele ihre Fallstricke, an welchen sie eine Krankheit derselben merken. Wenn sie z. B. merken, daß der vernünftige Theil unserer Seele in Unordnung sei, so streben sie, uns in jener Weise zu betrügen, in welcher, wie die Schrift erzählt, König Achab von den Syrern getäuscht wurde, die da sprachen: 2 „Wir wissen, daß die Könige von Israel barmherzig sind; laßt uns also Säcke legen um unsere Lenden und Stricke um unsere Häupter und hinausgehen zu dem Könige von Israel und zu ihm sagen: „Dein Diener Benadab sagt: „„Möge Leben geschenkt werden meiner Seele!““ Zu diesen sprach Jener, nicht von wahrer Liebe, sondern von dem eitlen Lobe der Barmherzigkeit bewogen: „Wenn er noch lebt, so ist er mein Bruder.“ Nach diesem Beispiele betrügen sie auch uns durch den Irr- S. b409 thum jenes vernünftigen Theiles und machen, daß wir dort in eine Beleidigung Gottes fallen, wo wir Lohn zu erhalten und den Preis der Liebe zu empfangen hofften, und daß auch zu uns das Strafwort gesagt wird: 3 „Weil du einen des Todes würdigen Mann aus deiner Hand gelassen hast, so wird dein Leben sein für sein Leben und dein Volk für sein Volk.“ So auch, wenn der unreine Geist sagt: 4 „Ich will ausgehen und ein Lügengeist sein im Munde all seiner Propheten,“ spannt er ohne Zweifel durch den vernünftigen Sinn, den er für solche tödtliche Nachstellungen offen wußte, den Fallstrick des Truges und des Todes. So trieb der schlaue Feind auch den Herodes durch den abwehrenden Theil der Seele zu jenem Morde so vieler Kinder, weil er sah, daß dieser mehr verdorben sei. Selbst bei unserm Herrn meinte Solches derselbe Geist und versuchte ihn in den drei Seelenkräften, in welchen, wie er wußte, das ganze menschliche Geschlecht zu fangen war, richtete aber mit seinen schlauen Nachstellungen Nichts aus. Er versuchte nemlich den begehrlichen Theil seines Geistes und sprach: „Sprich, daß diese Steine Brod werden;“ 5 den zurückstoßenden, als er ihn anzureizen suchte, nach der Gewalt dieses Lebens und nach den Reichen der Welt zu streben; den vernünftigen, als er sprach: „Wenn du der Sohn Gottes bist, so stürze dich hinab!“ Hiemit richtete nun sein Trug deßhalb Nichts aus, weil er in ihm nichts vom Laster Angestecktes fand, wie er in irrig gefaßter Meinung vermuthet hatte. Deßhalb gab auch kein Theil seiner Seele dem Angriff der feindlichen Hinterlist nach; „denn,“ 6 sprach er, „siehe, es kommt der Fürst dieser Welt und wird an mir Nichts finden.“
