2. Wie die Lauheit in das Herz des Mönches sich einschleicht und mit welchen Zerstreuungen sie seinen Geist bestürmt.
Hat dieser Geist einmal von der unglücklichen Seele Besitz genommen, so erzeugt er in ihr Schauder gegen den Aufenthaltsort, Überdruß an der Zelle, veranlaßt den Einsiedler, die nur aus der Ferne mit ihm verkehrenden Brüder zu vernachläßigen und zu verachten, als seien sie nachläßig und weniger auf das Geistige gerichtet. Ferner macht dieser Geist der Lauheit den Mönch zu jeder Arbeit innerhalb der Umzäunung seines Schlafgemaches träge und ungeschickt. Denn er läßt ihn nicht in der Zelle bleiben noch Mühe auf die Lesung verwenden und seufzt öfters, daß er Nichts vorwärts bringe, wenn er so lange Zeit in derselben Zelle wohne, und klagt, daß er keine geistige Frucht erziele, solange er an jene Genossenschaft gebunden sei, daß er jedes geistigen Gewinnes entbehre und an diesem Orte unfruchtbar sei. Denn obwohl er auch Andere leiten und gar Vielen nützen könne, habe er noch Niemanden erbaut, und noch Keiner habe aus S. 203 seiner Unterweisung und Belehrung Nutzen gezogen. Entfernte und weit wegliegende Klöster rühmt er und schildert jene Orte als zum geistigen Fortschritte nützlicher und dem Seelenheile zuträglicher; auch malt er sich die Gemeinschaft mit den dortigen Brüdern als gar lieblich und voll geistlicher Unterhaltung aus. Dagegen sei Alles, was man vor sich habe, unfreundlich, und man finde nicht nur keine Erbauung in den am gegenwärtigen Orte weilenden Brüdern, sondern nicht einmal die Nahrung des Leibes verschaffe man sich ohne übergroße Anstrengung. Zuletzt wähnt er sein Heil zu verlieren, wenn er an diesem Orte bliebe und sich nicht so schnell als möglich aus der Zelle wegbegäbe, in der er bei längerem Aufenthalte zu Grunde gehen würde. Und dann ruft dieser Geist des Überdrusses eine solche körperliche Ermüdung und ein solches Verlangen nach Speise um die sechste oder fünfte Stunde hervor, daß es dem armen Mönche vorkommt, als sei er von einer sehr langen Reise oder einer überaus schweren Arbeit erschöpft und ermüdet, oder als habe er das Essen durch zwei- oder dreitägiges Fasten hinausgeschoben. Dazu blickt er ängstlich bald hierhin, bald dorthin und klagt, daß gar kein Mitbruder zu ihm komme, geht öfter aus der Zelle und wieder hinein und schaut häufig nach der Sonne, als ob sie zu langsam dem Untergange zueile. Und so lagert sich, wie auf die Erde der Nebel, über seinen Geist gewissermaßen eine vernunftlose Verwirrung. Er wird zu jedem frommen Werke träge und unfähig, so daß er in nichts Anderem gegen eine solche Anfechtung ein Schutzmittel zu finden weiß als in dem Besuche eines Bruders und dem einzigen Troste des Schlafes. Dann sucht diese Krankheit ihn zu überzeugen, es erfordere der Anstand, die Brüder zu grüßen und die Kranken in der Ferne und Solche, die schon länger krank liegen, zu besuchen. Auch legt sie gewisse fromme und religiöse Pflichten auf, wie: diese oder jene Verwandten aufzusuchen und öfter hinzueilen, um sie zu begrüßen; jene fromme und gottgeweihte Frau, die jeglichen Schutzes und hauptsächlich des Schutzes ihrer Verwandten beraubt sei, öfters zu besuchen, sei ein großes Werk der Frömmigkeit; S. 204 und wenn eine solche Frau Etwas nöthig habe, die von den eigenen Eltern vernachläßigt und verachtet werde, so sei es ein sehr frommes Werk, es ihr zu besorgen, und auf diese Angelegenheiten müsse man mehr Mühe und Frömmigkeit verwenden, als fruchtlos und ohne allen Fortschritt in der Zelle sitzen.
