11. Von dem Bischof Theodorus und von Dynamius
Zu Marseille begann Dynamius, der Statthalter der Provence1, lästige Nachstellungen dem Bischof Theodorus zu bereiten. Da dieser aber sich zum König2 begeben wollte, ließ er ihn ergreifen und hielt ihn mitten in der Stadt gefangen, auch fügte er ihm schwere Mißhandlungen zu, ließ ihn jedoch endlich wieder los. Die Geistlichkeit von Marseille war hierbei mit Dynamius in heimlichem Einverständnis, denn sie wollten Theodorus das Bistum nehmen. Als dieser sich darauf zu König Childebert begab, ließ König Gunthramn ihn und den S. 129 früheren Statthalter Jovinus(1) festhalten. Die Geistlichen von Marseille hörten dies voll Freude — nun, meinten sie, sei er gefangen, werde verwiesen werden und so weit sei die Sache gediehen, daß er nimmer zurückkehren werde — und nahmen die Kirchengebäude in Beschlag, verzeichnten die Kirchengefäße, öffneten die Schreine, plünderten die Vorratskammern und fielen über alle Kirchensachen her, gleich als ob der Bischof schon tot wäre. Sie brachten auch verschiedene Beschuldigungen gegen den Bischof vor, die sich aber nachher unter Christi Beistand als falsch ergaben.
Childebert sandte aber, als er sich mit Chilperich verbündet hatte(2), Gesandte an König Gunthramn und verlangte, er sollte ihm die Hälfte von Marseille zurückgeben, welche er ihm^nach dem Tode seines Vaters überlassen hatte(3) täte er dies nicht, so werde es ihm teuer zu stehen kommen, daß er jenen Anteil der Stadt ihm vorenthielte. Gunthramn wollte jedoch nichts zurückgeben und ließ deshalb alle Wege besetzen, auf daß niemand durch sein Reich hindurchziehen könne(4) Da Childebert dies sah, schickte er den Gundulf, einen Mann aus einem vornehmen römischen Geschlecht(5) den er vom Haushofmeister(6) zum Herzog erhoben hatte, nach Marseille. Dieser wagte aber nicht durch das Reich Gunthramns seinen Weg zu nehmen, sondern zog über Tours(7). Ich nahm ihn S. 130 freundlich auf und erkannte in ihm den Oheim meiner Mutter. Fünf Tage lang behielt ich ihn bei mir, dann versah ich ihn mit allem Erforderlichen und ließ ihn weiterziehen.
Er rückte vor, konnte aber in Marseille nicht einziehen, da Dynamius ihm Widerstand entgegensetzte. Auch fand nicht einmal der Bischof/ der sich Gundulf angeschlossen hatte, Ausnahme in seiner eigenen Kirche. Dynamius hatte mit den Geistlichen die Tore der Stadt verrammelt, sie verhöhnten und verspotteten beide miteinander, den Bischof und Gundulf. Endlich kam Dynamius, vom Herzog zu einer Unterredung eingeladen, nach der Kirche des heiligen Stephanus, die nahe bei der Stadt liegt. Die Türhüter3 bewachten den Eingang zur Kirche und schlossen gleich nach dem Eintritt des Dynamius die Türflügel. Hierdurch wurden die bewaffneten Scharen, welche Dynamius folgten, abgesperrt und konnten nicht eintreten, doch bemerkte dies Dynamius nicht. Als er nun mit dem Herzog und dem Bischof verschiedenes am Altäre beraten hatte und diese vom Altäre fort und in die Sakristei4 gingen, trat er mit ihnen ein. Da fielen sie über ihn, der jeder Unterstützung der Seinigen entbehrte, unter Verwünschungen her. Sein Gefolge drohte, als er fortgebracht wurde, wild mit den Waffen, wurde aber in die Flucht geschlagen, und der Herzog versammelte mit dem Bischof die angesehenen Bürger der Stadt, um seinen Einzug in die Stadt zu erwirken. Als Dynamius dies gewahr wurde, bat er um Gnade, gab dem Herzoge viele Geschenke und schwor einen Eid, er werde in der Folge sich dem Bischof und dem Könige5 gehorsam erweisen. So wurde er wieder losgelassen und erhielt seine ehr- S. 131 liche Gewandung(1) zurück. Darauf wurden die Pforten des Stadttors wie der Kirche geöffnet, und beide, der Herzog und der Bischof, zogen unter Glockenklang, Jubelgeschrei und unter dem Vortragen von Fahnen der verschiedenen Behörden(2) in die Stadt ein. Die Geistlichen, die sich an diesem Verbrechen beteiligt hatten, — die Häupter waren der Abt Ana-stasius(3) und der Priester Proculus — flüchteten sich in das Haus des Dynamius und verlangten von ihm nun Beistand und Aufnahme, da er sie hierzu verführt hätte. Viele von ihnen wurden auch, da sich zuverlässige Bürgen für sie fanden, entlassen und ihnen befohlen sich vor dem Könige zu stellen. Darauf kehrte Gundulf, nachdem er die Stadt wieder König Childebert unterworfen und den Bischof wieder in seine Stelle eingesetzt hatte, zu König Childebert zurück.
Dynamius hielt aber nicht die Treue, welche er König Childebert gelobt hatte, sondern sandte Boten an König Gunthramn und ließ ihm sagen, er würde den Teil der Stadt Marseille, der ihm zukäme, durch den Bischof verlieren und niemals sie wieder unter seine Gewalt bekommen, wenn er nicht jenen von dort entfernte. Da wurde der König zornig und befahl gegen die Gebote der Religion den Priester des höchsten Gottes ihm in Ketten zu überliefern. „Dieser Feind unsres Reichs", sagte er, „muß in die Verbannung geschickt werden, damit er uns nicht ferner schaden kann." Der Bischof S. 132 schöpfte indessen Verdacht und ließ sich nicht so leicht aus der Stadt verlocken. Es kam aber das Fest der Einweihung eines Bethauses auf dem Felde in der Nähe der Stadt. Da nun der Bischof zu diesem Feste sich begab und die Stadt verließ, umringten plötzlich Bewaffnete, die unter großem Getöse aus einem Versteck hervorbrachen, den heiligen Bischof, rissen ihn vom Pferde, jagten seine Begleiter in die Flucht, banden seine Diener, schlugen die Geistlichen, setzten ihn selbst auf einen elenden Gaul und brachten ihn so, ohne daß einer der Seinigen ihm folgen durfte, zum König. Als sie aber durch die Stadt Aix kamen, gab ihm Pientius, der Bischof der Stadt, der mit seinem Bruder Mitleid empfand, einige Geistliche zum Beistand mit und versah ihn mit allem zur Reise Erforderlichen: so ließ er ihn weiter ziehen.
Indessen erbrachen die Geistlichen zu Marseille abermals alle Kirchengebäude, durchsuchten alle Winkel und verzeichneten teils, was sie fanden, teils schleppten sie es in ihre Häuser. Der Bischof aber wurde, als man ihn vor den König führte, unschuldig befunden und erhielt die Erlaubnis, nach seiner Stadt zurückzukehren, wo er von den Einwohnern mit großem Jubel ausgenommen wurde. Es erwuchs hieraus bittere Feindschaft zwischen König Gunthramn und seinem Neffen Childebert. Ihr Freundschaftsbündnis löste sich auf, und sie stellten einer dem ändern auf alle Weise nach.
Bgl. Kap. 7. Wir haben zwei Gedichte deFortunatus an Dynamius, VI, s und 10. In dem letzteren erscheinen Dynamius, Theodorus, Albinus, IovinuS und Bischof Sabaudus von Arle-, von dem Gregor B. IV. Kap. 30 (Bd. I. S. 218) erzählt hat, als Freunde; eS rührt aus einer Zeit her, wo Dynamius noch nicht Statthalter war. Hier erwähnt Fortunatus Berse, die ihm Dynamius übersendet hat. Auch besitzen wir unter seinem Namen ein Gedicht auf die Schönheiten der Insel LLrins (Vs Lossi, lusor. vkrist. nrd. Lomav II 1, 70) und Legenden der dortigen heiligen Marius und Maximus. Jedoch erscheine« mehrere Persönlichkeiten begleichen Namens, deren Identifizierung Schwierigkeiten macht. Bgl. Manitius in den Mitteilungen d. Institutf. österr. Geschichtsforsch. XVIII (1SV7) 22S ff. (der dort 230 f. das Gedicht auf L6rins noch einmal herausgibt) «nd Kiener, Berfassungsgeschichte der Provence 2Süf., 261 f. ↩
Childebert. ↩
Ostiarii; das Amt des Ostiarius bezeichnet die unterste Stufe der niederen Weihen. ↩
SalutalnriuiL; vgl. B. I. S. 23. Anm. 2. ↩
Childebert. ↩
