29. Von den Jungfrauen im Kloster zu Poitiers
Aus Spanien kehrte eine Gesandtschaft zurück, brachte aber keine bestimmte Antwort(4) mit, weil Leuvigild noch gegen seinen älteren Sohn im Felde lag. Im Kloster der heiligen Radegunde(5) starb dazumal eine Jungfrau, mit Namen Disciola, eine Nichte des heiligen Salvius, Bischofs von Albi(6), auf folgende Weise. Seit dem Anfänge ihrer Krankheit warteten ihrer die ändern Schwestern mit großer Sorgfalt; als aber der Tag kam, wo sie vom Leibe S. 150 abscheiden sollte, sprach sie zu ihnen um die neunte Stunde(1) „Sehet, ich fühle mich schon leichter und empfinde keinen Schmerz; ich bedarf eurer Liebe jetzt nicht mehr, und es ist nicht nötig, daß ihr mich pflegt. Verlasset mich also lieber, daß ich desto leichter Schlaf gewinne." Auf diese Worte gingen die Schwestern ein wenig aus der Zelle und kehrten nicht lange darnach zurück. Sie stellten sich dann um sie herum und warteten, ob sie ein Wort von ihr vernähmen. Sie aber breitete die Hände aus und flehte einen Unsichtbaren um seinen Segen an. „Segne mich," sagte sie, „heiliger Diener des erhabenen Gottes, denn siehe, schon zum drittenmal hast du heut um meinetwillen Not; was duldest du, Heiliger, um eines armen schwachen Weibes willen so vielfache Kränkung?" Sie fragten sie, an wen sie diese Worte richte, sie aber antwortete nichts. Nach längerer Zeit rief sie dann mit lauter Stimme und lächelte, und so gab sie ihren Geist auf. Und siehe, es war da gerade ein Besessener, der war zu der Glorie des heiligen Kreuzes gekommen(2), um gereinigt zu werden; der zerraufte sich das Haar, warf sich auf die Erde und schrie: „Wehe, wehe, wehe über uns, daß wir solchen Schaden erlitten! Hätten wir doch früher die Sache erwägen können, dann wäre diese Seele nicht unserer Macht entrissen!" Da ihn aber die fragten, welche zugegen waren, was er mit solcher Rede sagen wolle, gab er zur Antwort: „Sehet da, der Engel Michael hat die Seele dieser Jungfrau empfangen und sie gen Himmel geführt. Unser Gebieter aber, den ihr den Teufel nennt, hat keinen Teil an ihr." Darauf wurde der Leichnam gewaschen, und er ward so blendend und schneeweiß, daß die Äbtissin kein Leinenzeug in ihrem Vorrat finden konnte, das weißer gewesen S. 151 wäre als der Leichnam. Nachdem man sie aber in reine Linnen gehüllt hatte, bestattete man sie.
Es hatte aber noch eine andere Jungfrau in jenem Kloster ein Gesicht und erzählte es ihren Schwestern. Es war ihr, sagte sie, als ob sie eine Reise mache, und es verlangte sie, auf ihrem Wege zu einer lebendigen Quelle zu kommen. Da sie aber den Weg nicht wußte, kam ihr ein Mann entgegen und sprach: „Wenn du zu der lebendigen Quelle kommen willst, so werde ich dir auf dem Wege vorangehen." Sie dankte ihm, er ging voran, und sie folgte. So schritten sie fürder und kamen endlich zu einer großen Quelle, deren Wasser glänzte wie Gold, und der Rasen ringsum strahlte wie im Frühlingsglanze, gleich Edelsteinen aller Art. Da sagte der Mann zu ihr: „Siehe, das ist die lebendige Quelle, die du so emsig gesucht. Stille nun deinen Durst aus ihren Fluten, und sie wird dir eine Quelle lebendigen Wassers werden, das in das ewige Leben quillet." Und da jene begierig von dem Wasser trank, siehe, da kam von der ändern Seite die Äbtissin, entkleidete das Mädchen und zog ihr ein königliches Gewand an, das strahlte von solchem Glanz, Gold und Geschmeide, daß man vor der Herrlichkeit fast die Augen schließen mußte. Die Äbtissin aber sprach: „Dein Bräutigam schickt dir diese Geschenke." — Durch diesen Traum wurde die Jungfrau im innersten Herzen ergriffen und bat wenige Tage darauf die Äbtissin, sie möchte ihr eine Zelle bereiten, wo sie fortan abgeschlossen leben könne. Diese richtete es sofort aus und sprach: „Siehe, die Zelle ist bereit, was ist nun dein Wille?" Die Jungfrau aber bat, sie möchte sie dort einschließen lassen. Als ihr dies gewährt war, versammelten sich die Schwestern unter Chorgesang mit brennenden Lampen, die heilige Radegunde nahm sie selbst bei der Hand und führte sie bis zu -er Zelle. Hier sagte sie allen Lebewohl, küßte jede einzeln und S. 152 wurde dann eingeschlossen. Der Zugang, durch den sie eintrat, wurde vermauert1. In ihrer Zelle dort verlebt sie nun ihre Tage im Gebet und in dem Lesen der heiligen Schriften.
Bgl. oben S. 119. ↩
