Kap. 19 (Wie sich Augustin als Richter benommen hat).
1 In Gemäßheit auch des Spruchs des Apostels, der da sagt: „Wagt einer unter euch, der mit einem anderen einen Handel hat, Recht zu nehmen bei den Ungerechten (= den Heiden) und nicht bei den Heiligen? Oder wisset ihr nicht, daß die Heiligen über die Welt richten werden? Und wenn bei (von) euch die Welt gerichtet wird, seid ihr unwürdig, kleine Dinge zu richten? Wisset ihr nicht, daß wir die Engel richten werden, geschweige Weltliches? Wenn ihr unter euch Streitigkeiten um Weltliches willen habt, so setzt als Richter die ein, welche ohne Ansehen in der Kirche sind! Um euch zu beschämen, rede ich. So ist also unter euch kein Weiser, der imstande ist, zwischen den Brüdern zu richten, sondern der Bruder geht mit dem Bruder zum Richterstuhl, und das bei den Ungläubigen“. — „Wenn Augustin nun von Christen oder von irgendwelchen Sektierern als Richter angegangen wurde, hörte er die Fälle sorgfältig und gewissenhaft an, sich dabei den Ausspruch eines anderen Richters S. 39 vorhaltend, der da sagt, er wolle lieber bei Unbekannten als bei Freunden Richter sein, weil er dort den als Freund erwerben könne, für welchen er den Richterspruch mit schiedsrichterlicher Billigkeit fälle, während er hier von den Freunden den verlieren werde, gegen den er sein Urteil ergehen ließe.
3 Mochte es aber bis zur Stunde der Hauptmahlzeit dauern, oder mochte er den ganzen Tag fasten müssen, unausgesetzt forschte er nach und brachte die Sachen zur Entscheidung, sein Augenmerk dabei auf die Werte der christlichen Gesinnung richtend, auf das Maß des Fortschritts oder des Mangels im Glauben und in den guten Sitten.
4 Und wenn seine Kenntnis der Umstände es ermöglichte, lehrte er die Parteien die Wahrheit des göttlichen Gesetzes, schärfte sie ihnen ein und ermahnte sie, wie sie das ewige Leben erwerben könnten, nichts anderes von denen, für die er seine Zeit opferte, verlangend als nur Gehorsam und christliche Ehrerbietung, wie man sie Gott und den Menschen schuldet; die Sünder aber beschuldigte er in aller Gegenwart, „damit auch die anderen Furcht bekämen“.
5 Er tat das „wie ein Wächter, vom Herrn eingesetzt über das Haus Israel“, „das Wort predigend und auf dasselbe haltend zur Zeit und zur Unzeit, beschuldigend, ermahnend, scheltend mit aller Geduld und Lehre“, und vor allem gab er sich Mühe, die zu belehren, die „geeignet wären, auch andere zu belehren“.
6 Auch schrieb er an verschiedene Briefe, wenn er von ihnen in ihren zeitlichen Angelegenheiten angegangen wurde. Aber diese seine von den höheren Dingen (abführende) Beschäftigung betrachtete er als einen Frondienst; süß aber war ihm immer die Beschäftigung mit den göttlichen Dingen und die Ansprache und Wechselsprache brüderlicher und häuslicher Vertrautheit.
