Kap. 28 (Was Augustin kurz vor seinem Tode ediert hat. Der Vandaleneinfall).
1 Kurz bevor es mit ihm zum Sterben kam, unterwarf er die von ihm diktierten und herausgegebenen Bücher einer Durchsicht, sowohl die, welche er in der ersten Zeit nach seiner Bekehrung noch als Laie diktiert hatte, als auch die aus der Presbyter- und aus der Bischofszeit, und was er nicht in Übereinstimmung mit der kirchlichen Regel diktiert und geschrieben fand — weil er den kirchlichen Brauch noch ungenügend kannte und ungenügend verstand —, das tadelte und korrigierte er. So verfaßte er ein Werk in zwei Bänden mit dem Titel „Revision der Bücher“.
2 Auch klagte er, es seien ihm einige Bücher vor der sorgfältigen Verbesserung von etlichen Brüdern entrissen worden, die er hätte verbessern wollen.
3 Auch hinterließ er, vom Tode betroffen, einige unvollendete Bücher.
4 In seinem Bestreben, allen nützlich zu sein, denen, die viele Bücher lesen können, und denen, die es nicht können, exzerpierte er aus beiden göttlichen Testamenten, dem Alten und dem Neuen, die auf die Regulierung des Lebens sich beziehenden Gebote und Verbote Gottes mit einer Vorrede und faßte sie in einem Kodex zusammen, damit, wer es wolle, den Band lese und durch ihn erkenne, wie es mit seinem Gehorsam gegen Gott und seinem Ungehorsam stünde. Und diesem Werk gab er den Namen „Speculum“.
5 Aber kurz danach geschah es nach Gottes Willen und Erlaubnis, daß ein ungeheures feindliches Heer, mit Waffen aller Art und im Kriege geübt, der unmenschlichen Vandalen und Alanen, untermischt mit Goten und mit Teilen verschiedener Völker auf Schiffen aus dem überseeischen Spanien in Afrika einströmte und es überflutete — zuerst in alle Landschaften der beiden Mauretanien, sodann auch in unsere anderen Provinzen und Regionen. Sie wüteten mit jeglicher Art von Wildheit und Grausamkeit und verwüsteten alles, was sie konnten, durch Raub, Mord, Foltern aller Art, Brand und unzählige und unsägliche andere Übel; kein Geschlecht, kein Alter verschonten sie, selbst nicht die Priester und Diener Gottes, noch den Schmuck, die Geräte, noch die Gebäude der Kirchen.
6 Diese furchtbaren Einfälle und Verfolgungen der Feinde verstand und beurteilte der Mann Gottes (Augustin) in bezug auf ihre Ursache und Fortdauer nicht wie die anderen, sondern ging bei ihrer Betrachtung in die Höhe und in die Tiefe, sah in ihnen hauptsächlich, wie sie die Seelen mit Gefahren und tödlichen Anläufen bedrohten, und Tränen wurden mehr als früher sein Brot Tag und Nacht (denn, wie geschrieben steht, „Wer Erkenntnis hinzubringt, bringt Schmerz hinzu“ und „Erkenntnis im Herzen wirkt wie der Wurm in den Knochen“), und diesem sich bereits dem Ende nähernden Rest seines Greisenalters durchlebte und ertrug er als das Bitterste und Traurigste.
7 Denn er sah die völlige Zerstörung der Städte und den Untergang ihrer teils niedergemachten, teils vertriebenen und zerstreuten Bewohner samt ihren Landgütern; er sah die von den Priestern und Dienern verlassenen Kirchen, die in alle Winde zerstreuten heiligen Jungfrauen und Asketen, hier durch Foltern Getötete, dort durch das Schwert Ermordete und dazu die in die Gefangenenschaft Geführten, die mit Verlust der Reinheit und Würde ihrer Seele und ihres Leibes den Feinden schlimme und harte Sklavendienste tun mußten.
8 Die Hymnen Gottes und die Loblieder verschwanden aus den Kirchen; die Kirchengebäude wurden an den meisten Orten verbrannt; die regel- und pflichtmäßigen Gottesdienste hörten an ihren Stellen auf, und die göttlichen Sakramente wurden entweder nicht mehr begehrt oder die Begehrenden fanden nicht leicht jemanden, der sie ihnen reichte. Wenn sie sich in die Wälder der Gebirge, in die Schlupfwinkel und Höhlen S. 45 der Felsen oder sonstwohin zu ihrem Schutze geflüchtet hatten, wurden sie entweder überwältigt und ermordet oder des nötigen Unterhalts so beraubt, daß sie langsam verhungerten.
10 Die Vorsteher der Kirchen aber und Kleriker, die durch Gottes Gnade nicht auf die Feinde gestoßen oder ihnen beim Zusammenstoß entgangen waren, die mußten, von allem beraubt und entblößt, in tiefster Not betteln, und es war unmöglich, ihnen allen mit dem, was sie bedurften, zu Hilfe zu kommen.
11 Nur noch drei Kirchen von den zahllosen Kirchen wurden durch Gottes Gnade nicht zerstört und blieben übrig, die von Carthago, Hippo und Cirta; auch die Städte selbst blieben, gestützt durch göttlichen und menschlichen Schutz, bestehen. Doch die Stadt Hippo wurde nach dem Tode Augustins von ihren Einwohnern verlassen und wurde verbrannt.
12 Er aber tröstete sich bei allem diesem Schlimmen mit dem Ausspruch eines Weisen: „Der ist kein Großer, der es für eine große Sache hält, daß Holz und Steine dahinfallen und die Sterblichen sterben.“
13 All dieses beweinte Augustin, als der Mann hoher Weisheit, täglich reichlich, und es wuchs noch sein Kummer und Klagen, als die Feinde zur Belagerung der Stadt Hippo-Regius schritten, die bisher unbetroffen geblieben war.
14 Der einstige Graf Bonifacius mit einem Heer der verbündeten Goten war damals zur Verteidiguug der Stadt bestellt, die die Feinde eingeschlossen hatten und 14 Monate lang belagerten; auch die Seeküste war blockiert und der Stadt entzogen.
15 Wir Bischöfe aus der Nachbarschaft mit anderen bischöflichen Kollegen hatten uns dorthin geflüchtet und blieben daselbst während der ganzen Zeit der Belagerung. Fort und fort beredeten wir uns untereinander, betrachteten Gottes furchtbare Gerichte, die vor unseren Augen standen, und sprachen: „Gerecht bist Du, Herr, und recht ist Dein Gericht“. Zugleich flehten wir unter Schmerzen, Seufzen und Tränen den Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes an, daß er uns gnädig in dieser Trübsal helfen möge.
