Kap. 27 (Der Dienst an Notleidenden und Kranken und drei Anweisungen des Ambrosius).
1 Bei seinen Besuchen hielt er die vom Apostel gegebene Regel ein, daß er ausschließlich Witwen und Waisen in ihren Nöten besuchte. Doch wenn ihn Kranke baten, er möge kommen, den Herrn für sie anflehen und ihnen die Hand auflegen, so kam er sofort. Frauenklöster aber betrat er nur dringender Ursachen halber.
2 Ferner erklärte er, ein Diener Gottes (= Mönch) müsse die Grundsätze in seinem Leben bewahren, die als die des Ambrosius heiligen Andenkens ihm bekannt waren, daß er für niemanden eine Braut werbe, keinen für den Soldatenstand empfehle und an seinem Wohnort keine Einladung zu einem Gastmahl annehme.
3 Er motivierte daß so: Damit er nicht, wenn die Eheleute in Streit gerieten, von ihnen als der geschmäht werde, der die Ehe verursacht habe — aber natürlich solle der Priester, wenn jene in bezug auf ihre Bitte schon einig seien, dazu kommen, um ihren bereits gewollten Pakt sei es zu festigen, sei es zu segnen —; (zweitens) damit, wenn der Soldat gewordene sich übel führe, nicht die Schuld dem beigemessen werde, der ihn empfohlen habe, und (drittens) damit nicht durch häufige Beteiligung an den Gastmahlsgepflogenheiten die gebotene Temperanz verlorengehe.
4 Er erzählte uns auch, er habe von dem obengenannten Mann seligen Andenkens (Ambrosius), aus seiner Todesstunde eine höchst weise und fromme Antwort gehört und lobte und pries sie. Denn als jener verehrte Mann in seiner letzten Krankheit daniederlag und die geehrtesten Gemeindeglieder an seinem Bette standen, darum trauerten, daß ein so großer und treuer Vorsteher nicht mehr predigen und die Sakramente Gottes spenden solle, und ihn unter Tränen baten, daß er sich vom Herrn die Fortdauer seines Lebens dringend erbitten möge, da habe er ihnen gesagt: „Ich habe nicht so gelebt, daß ich mich schämen müßte, unter euch zu leben; den Tod aber fürchte ich nicht, denn wir haben einen guten Herrn.“
5 Unser greiser Augustin bewunderte und lobte diese feinen und abgewogenen Worte; so nämlich müsse man es verstehen, wenn er sagt: „den Tod aber fürchte ich nicht; denn wir haben einen guten Herrn“, daß er damit für die vorangehenden Worte: „Ich habe nicht so gelebt, daß ich mich schämen müßte, unter euch zu leben“, die Auslegung unmöglich gemacht hat, er verlasse sich zu sehr auf das reine Leben, das er geführt habe; dieser Satz bezieht sich ausschließlich auf das, was den Menschen an ihm als Mensch bekannt war, aber in bezug auf das Gericht göttlicher Gerechtigkeit traue er auf den guten Herrn, an den er auch im täglichen Gebet die Bitte richtete: „Vergib uns unsere Schulden“.
6 In bezug auf das Sterben erzählte er auch häufig das Wort eines Mitbischofs und engverbundenen Freundes kurz vor dem Tode: Als er ihn, dessen Todesstunde bereits nahe war, besuchte, der Freund durch eine Geste mit der Hand den bevorstehenden Abschied vom Leben ausdrückte und er ihm erwiderte, er sei der Kirche nötig und möge noch weiter leben, da habe jener, um nicht den Glauben zu erregen, er hänge am Leben, geantwortet: „Wenn ich niemals sterben muß, mag’s gut sein, wenn aber doch einmal, warum nicht jetzt?“
7 Diesen Ausspruch bewunderte er und lobte den gottesfürchtigen Mann, der in einem Landstädtchen geboren und aufgewachsen sei, ohne viel Bildung genossen zu haben.
8 Anders lautet, was der heilige Märtyrer Cyprian in seinem Brief „Über die Sterblichkeit“ von einem kranken Bischof berichtet: „Als einer unserer Kollegen und Mitpriester in schwerer Krankheit und in Angst des nahen Todes wegen um die Verlängerung seines Lebens bat, da trat vor den Betenden und dem Tode Nahen ein Jüngling, ehrfurchtgebietend und majestätisch, hochgewachsen und strahlend, so daß die S. 44 leiblichen Augen den Anblick kaum vertrugen (nur der aus der Welt Scheidende vermochte ihn bereits zu sehen), und nicht ohne Unwillen in Ausdruck und Stimme herrschte er ihn an: „Zu leiden fürchtet ihr euch, die Welt verlassen wollt ihr nicht — was soll ich mit euch tun?“
