1.
In Deinem Briefe bittest und beschwörst Du mich aufs eindringlichste, ich möchte Dir schreiben oder, besser gesagt, auf Deine Anfragen antworten, wie Du Dein Leben einrichten sollst, um die Krone der Witwenschaft in unversehrter Keuschheit zu bewahren. 1 Mein S. 150 Herz freut sich, mein Inneres frohlockt und mein Gemüt ist aufs angenehmste berührt von Deinem Wunsche, nach Deines Mannes Tode so zu leben, wie Deine Mutter Titiana 2 seligen Angedenkens noch zu Lebzeiten ihres Mannes lange Jahre gelebt hat. Ihr eifriges Gebet ist erhört worden, hat sie doch für ihre einzige Tochter das erreicht, was, als sie noch lebte, ihren Ruhm ausmachte. Außerdem hältst Du damit an dem großen Vorzug Deines Geschlechtes fest, daß seit Camillus keine oder kaum eine Frau aus diesem Hause eine zweite Ehe eingegangen ist. Deshalb verdienst Du eigentlich wegen der Wahrung des Witwenstandes nicht allzusehr gelobt zu werden. Aber scharfer Tadel wäre am Platze, wenn Du als Christin nicht hochschätzen wolltest, was heidnische Frauen während so vieler Jahrhunderte hochgehalten haben.
Es ist bedauerlich, daß sich Grützmacher in seiner an sich so wertvollen Hieronymus-Biographie aus Voreingenommenheit wiederholt zu Ungerechtigkeiten hinreißen läßt. So schreibt er ohne quellenmäßige Unterlage im Gegensatz zu den Einleitungsworten des Briefes: „Da machte sich die asketische Partei an die junge Witwe heran und bearbeitete sie mit allen Mitteln, um die adelige Römerin ihrem Kreise anzugliedern und sich ihre Reichtümer zu sichern. Auch Hieronymus wurde mobil gemacht und sollte durch eine Epistel mit seiner gewandten Feder die Schwankende gewinnen.“ (II 180.). ↩
Cav. I 185 liest ohne weiter Begründung „Tatiana“. ↩
