1.
Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatze seines Herzens das Gute hervor, und den Baum erkennt man an seinen Früchten. 1 Meine Tugenden bemissest Du nach den Deinen. Du, der Große, willst die Kleinen emporheben. Du nimmst beim Gastmahle den letzten Platz ein, damit der Familienvater Dich weiter hinaufrücken heiße. 2 Aber was ist denn schon Bedeutendes an mir, daß ich ein Lob aus so gelehrtem Munde verdiene? Wie kommen wir Kleinen und Bescheidenen dazu, aus dem Munde Anerkennung zu ernten, der zum Anwalt eines so gottesfürchtigen Kaisers 3 geworden ist? Geliebtester, laß Dich bei Deiner Wertschätzung nicht S. 172 durch die Zahl meiner Jahre bestimmen und suche nicht ohne weiteres dort Weisheit, wo die Haare grau sind. Suche umgekehrt, wo Klugheit wohnt, die grauen Haare nach dem Zeugnis Salomons, der schreibt: „Des Menschen Weisheit ersetzt das graue Haar.“ 4 Moses sollte siebenzig Älteste wählen, die er selbst als Älteste kannte. 5 Aber nicht nach dem Alter, sondern nach ihrer Klugheit sollte er die Auswahl treffen. Daniel, bislang ein Knabe, richtet über die Greise, und die an sich der Leidenschaft ihren Tribut zollende Jugend verurteilt die schamlosen Alten. 6 Ich bitte noch einmal, beurteile meinen Glauben nicht nach meinen Jahren! Halte mich nicht deshalb für besser, weil ich früher als Du angefangen habe, im Heere Christi zu dienen. Der Apostel Paulus, der aus einem Verfolger zu einem Gefäß der Auserwählung wurde, 7 ist dem Range nach der jüngste, aber an Verdiensten der erste, weil er, obwohl zuletzt erwählt, mehr als alle gearbeitet hat. 8 Judas aber, der einst das Wort vernahm: „Du, o Mensch, mein Führer und mein Bekannter! Im Hause Gottes wandelten wir einträchtig zusammen“, 9 wird als Verräter seines Freundes, seines Meisters, ja seines Erlösers überführt und
„Hoch am Balken er flicht zum garstigen Tode den Knoten“. 10
Der Schächer hingegen tauscht das Paradies gegen das Kreuz ein, 11 und die reuevolle Gesinnung macht aus dem Räuber einen Märtyrer. Wie viele gibt es heute, die trotz langen Lebens nichts anderes sind als wandelnde Leichen 12 und übertünchte Gräber voller Totengebein! 13 Aber der plötzlich einsetzende Eifer gleicht ein Leben voller Lauigkeit aus.
Luk. 6, 45; 44. ↩
Ebd. 14, 10. ↩
Theodosius d. Gr. († 395). ↩
Weish. 4, 8. ↩
Num. 11, 16. ↩
Dan. 13, 45 ff. ↩
Apg. 9, 2. 15. ↩
1 Kor. 15, 10. ↩
Ps. 54, 14 f. ↩
Matth. 26, 46; 27, 5; Vergil, Aen. XII 603. ↩
Luk. 23, 43. ↩
Cyprian, De lapsis 30 (CSEL III 1 [Hartel] 259; BKV XXXIV 119). ↩
Matth. 23, 27. ↩
