6.
Da Du nun durch das Band der Ehe mit Deiner heiligen Schwester 1 verbunden bist, so kannst Du nicht völlig ungehindert Deinen Weg nehmen. Ich beschwöre Dich daher, sei es hier oder dort, entziehe Dich einem weitgehenden Verkehr, den gesellschaftlichen Verpflichtungen, den Besuchen, den Einladungen zu Gastmählern. Betrachte sie als Ketten, die Dich an die Welt und ihre Freuden fesseln. Nimm erst gegen Abend Nahrung zu Dir. Diese sei schlicht und beschränke sich auf Kohl und Hülsenfrüchte. Ab und zu magst Du als besondere Leckerbissen einige Fischlein genießen. Wer sich nach Christus sehnt und von seinem Brote ißt, der macht sich nicht viele Sorge darum, welch kostbare Speisen sein Kot ausscheidet. Alles, was nur für kurze Zeit die S. 180 Geschmacksnerven kitzelt, schätze so ein wie Brot und Hülsenfrüchte! Du hast ja die Schriften gegen Jovinian, die ausführlich über die Geringschätzung des Bauchdienstes und der Gaumenlust handeln. 2 Habe stets die geistliche Lesung zur Hand, bete häufig, wirf Dich vor Gott nieder, um so Deinen Geist zum Herrn zu erheben. Bringe öfters die Nacht wachend zu, und noch häufiger lege Dich mit leerem Magen zum Schlafe nieder! Eitles Gerede, Prahlerei und schöntuende Schmeichler meide wie die Pest! Den Armen und Deinen Mitbrüdern spende aus Deinen Einkünften eine erquickende Gabe und überreiche sie ihnen persönlich! Treue findet man selten unter den Menschen. Glaubst Du vielleicht nicht, was ich sage? Dann denke an den Geldbeutel des Judas. 3 Wenn Du einfache Kleider trägst, so bewahre Dein Gemüt vor Stolz! Fliehe die Gesellschaft der Weltleute, vor allem die der Vornehmen! Was brauchst Du immer wieder die Dinge anzusehen, deren Geringschätzung Dich bewogen hat, Mönch zu werden? Deine Schwester entziehe sich vor allem den Plauderstündchen mit den Matronen! Inmitten der Frauen, die in seidenen Kleidern und mit Edelsteinen geschmückt um sie herumsitzen, möge sie nicht über ihr Bußkleid jammern, sich aber auch nicht dessen rühmen! Das eine sieht aus, als ob ihr heiliger Entschluß sie reue, das andere könnte eine Pflanzstätte der Eitelkeit werden. Nachdem Du gewissenhaft und großzügig Deinen Besitz unter die Armen verschenkt hast, lehne es ab, die Verteilung fremden Geldes zu übernehmen! Du weißt ja, was ich sagen will; denn der Herr hat Dir in allen Dingen Einsicht gegeben. 4 Sei einfältig wie die Tauben und zeige Dich gegen niemand hinterhältig! Aber auch klug wie die Schlangen sollst Du sein, damit Du nicht den Nachstellungen S. 181 anderer zum Opfer fällst. 5 Ein Christ, der sich täuschen läßt, verdient kaum weniger Tadel als einer, der selbst andere hintergeht. Merkst Du, daß jemand immer wieder oder wenigstens häufig vom Geld spricht, nur nicht vom Almosen, das ja jeder ohne Unterschied austeilen darf, dann ist dies ein Geschäftsmann, aber kein Mönch mehr. Verschenke an andere nur Nahrungsmittel, Kleidung und was sonst zur Notdurft des Lebens gehört, damit nicht die Hunde den Kindern das Brot wegschnappen. 6
Des Paulinus Gattin Therasia wird hier seine Schwester genannt, weil er mit ihr eheliche Enthaltsamkeit gelobt hatte. ↩
Adv. Jovin. (M PL XXIII 221 ff.). Die Schrift wendet sich gegen den „Epikur der Christen“ und setzt sich besonders für die Jungfräulichkeit ein. ↩
Joh. 12, 6. ↩
2 Tim. 2, 7. ↩
Matth. 10, 16. ↩
Ebd. 15, 26. ↩
