14. Beweisführung des Greises, daß die Ordnung unsers Thuns ohne Schuld geändert werde, wenn nur mit dem guten Streben ein Erfolg erreicht wird.
Joseph: Wie wir vorher gesagt haben, ist es die innere Absicht, welche den Menschen belohnt oder verdammt, nach jener Stelle: 1 „Und auch ihre Gedanken, die sich wechselseitig anklagen oder vertheidigen an dem Tage, an welchem Gott richten wird das Verborgene der Menschen.“ Auch nach jener: 2 „Ich aber komme, um ihre Werke und Gedanken zusammenzustellen mit allen Völkern und Zungen.“ Ihr habt also, wie ich sehe, aus Verlangen nach Vollkommenheit euch mit der Fessel dieses Versprechens gebunden, da ihr glaubtet, jene könne auf eine Weise erreicht werden, von der ihr nun nach erlangtem reiferem Urtheile sehet, daß man mit ihr nicht zu der Erhabenheit der Vollkommenheit aufsteigen könne. Was also immer Abweichendes von jener Anordnung geschehen sein mag, thut keinen Eintrag, wenn nur keine Änderung jenes anfänglichen Zieles nachfolgt. Denn die Vertauschung des Werkzeuges ist kein Verlassen des Handwerkes, und die Wahl eines kürzern und geraderen Weges wirft auf den Wanderer nicht den Vorwurf der Trägheit. So muß man auch in dieser Sache die Verbesserung einer unvorsichtigen Anordnung nicht für eine Überschreitung des geistlichen Gelöbnisses ansehen. Denn was immer für die Liebe zu Gott und zur Gottseligkeit geschieht, welche die Verheissung hat für das gegenwärtige und zukünftige Leben, obwohl sie mit harten und widrigen Anfängen zu beginnen scheint. — Das verdient S. b180 nicht nur keinen Tadel, sondern sogar Lob. Und deßhalb schadet die Zurücknahme eines unvorsichtigen Versprechens nicht, wenn nur in jeder Weise das Ziel, d. i. die vorgesteckte Absicht der Gottseligkeit, beibehalten wird. Wir thun ja Alles deßwegen, daß wir Gott ein reines Herz darbieten können: und wenn euch, wie ihr urtheilt, die vollkommene Erreichung eines solchen in diesen Gegenden leichter, ist, so schadet euch die Abänderung eines erzwungenen Übereinkommens Nichts, wenn nur die Hauptsache, die Vollendung jener Reinheit, um deren willen euer Versprechen erfolgte, nach dem Willen Gottes mit größerer Reife erlangt wird. Denn es kann aus dieser Veränderung nicht irgend eine Lüge hergeleitet werden, sondern nur die kluge und heilsame Verbesserung einer unüberlegten Entscheidung. Damit wir nun auch aus dem Naturgebiete Etwas beibringen, was den Knoten der vorgelegten Frage löse, so ändert nach dem Plane der göttlichen Majestät die Natur selbst in uns ihre Werke. Wir werden nemlich von der Kindheit ins Knabenalter, von diesem in die Jünglingszeit, und von da bis zu den äussersten Grenzen des Greisenalters geführt, und die vollendende Hand unseres Schöpfers wirkt all Dieß so in uns, daß wegen dieser Veränderung den Lebensaltern keine Lüge anhängt. So auch wenn unser innerer Mensch, von den gar zarten anfänglichen Lehren entwöhnt, durch verschiedene Alter immer zu einem kräftigern fortgeschritten ist, und so zur Reife der Einficht, zur Vollkommenheit des Mannes und zum Vollmaaße des Alters Christi gelangt, 3 abgelegt hat, was des Kindes ist: muß man dann glauben, er sei dem Wechsel der Lüge verfallen, oder nicht vielmehr, er habe die Fülle der Vollkommenheit erlangt? So wurde der grundlegende alte Bund durch Anordnung des gesetzgebenden Gottes zu der Vollkommenheit der evangelischen Gottseligkeit übergeführt, und doch darf man nicht glauben, daß hiedurch eine Umwandlung oder Veränderung der S. b181 frühern Gesetzgebung eingetreten sei, sondern eine Erfüllung und Sammlung höherer, himmlischer Gebote; und so darf man es nicht für eine Abschaffung jener heiligen Offenbarung halten, sondern für eine Erhebung, nicht für eine Veränderung, sondern für einen Fortschritt. Deßhalb sagt auch unser Herr: 4 „Glaubet nicht, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzuheben; ich bin nicht gekommen, sie aufzuheben, sondern zu erfüllen;“ d. h. nicht um das Frühere veralten zu lassen, sondern um das Unvollkommene zur Vollkommenheit zu bringen. 5
Röm. 2, 15. ↩
Is. 66, 18. ↩
Ephes. 3, 13. ↩
Matth. 5, 17. ↩
Die Sophistik der Beweise ist leicht einzusehen. Daß es berechtigte Veränderungen gibt, steht nicht in Frage, sondern nur, was unter dieselben zu rechnen ist; und darin hat Vater Joseph ein zu weites Gewissen, wie sich später noch mehr zeigen wird. ↩
