24. Wie der Abt Piammon seine Entsagung lieber verheimlichen wollte.
So nahm Abt Piammon, als ihm nach fünfundzwanzig Jahren (der Entsagung) von einem Bruder Traube und S. b197 Wein angeboten wurde, ohne Bedenken an und wollte lieber das Gebrachte gegen seine Gewohnheit sogleich verkosten, als die Tugend einer Allen unbekannten Enthaltsamkeit kund geben. Wenn wir nun noch beachten wollen, was unsere Väter, wie wir uns erinnern, ohne Weiteres gethan, daß sie nemlich die Wunder ihrer Tugenden, oder ihre eigenen Handlungen, welche sie beim Unterricht der Jüngern nothwendig anführen mußten, unter der Maske Anderer darzustellen pflegten, für was Anderes können wir Dieß halten als für offenbare Lüge? 1 Hätten nur auch wir etwas Wertvolles, was zur Anregung des Glaubens den Jüngern vorgelegt werden könnte, wir würden wahrhaftig nicht die geringste Scheu tragen, dieser Verstellung derselben zu folgen. Denn es ist besser, unter der Deckfarbe einer solchen Figur zu lügen, als wegen unvernünftiger Beobachtung der Wahrheit entweder Etwas, was die Zuhörer hätte erbauen können, mit unangemessenem Stillschweigen zu bedecken, oder, wenn es der Wahrheit gemäß mit unserm Namen vorgebracht wird, die Prahlerei einer schädlichen Eitelkeit zu erzählen. Dazu leitet uns auch deutlich der Völkerlehrer durch seine Unterweisung an, da er die Größe seiner Offenbarungen lieber im Namen eines Andern bekannt geben wollte, indem er sagt: 2 „Ich weiß einen Menschen in Christo, der da — sei es im Körper, sei es ausser dem Körper, ich weiß es nicht, Gott weiß es — entrückt war bis zum dritten Himmel, und ich weiß, daß dieser Mensch entrückt war ins Paradies und unaussprechliche Worte hörte, die kein Mensch sagen darf.“
