9.
Zuerst wäre darüber zu sprechen, ob Du allein oder zusammen mit anderen in einem Kloster leben sollst. Ich halte es für besser, daß Du mit anderen Heiligen S. 225 zusammenlebst, nicht Dein eigener Lehrmeister bist und nicht ohne Führer einen Dir bisher unbekannten Weg wandelst. Du könntest sonst vom richtigen Pfade abkommen und in die Irre gehen, bald zu weit, bald nicht weit genug wandern. Leicht könntest Du Dich auch über dem Laufen verletzen oder, wenn Du Rast machst, einschlafen. Wenn einer für sich allein lebt, da schleicht sich leicht die Hoffart ein. Wenn er etwas gefastet und sich vom Verkehr mit anderen Menschen ferngehalten hat, kommt er sich schon wichtig vor. Seiner Herkunft und seines Zieles vergessend läßt er seine Phantasie umherschweifen und gibt nach außen hin der Zunge freie Bahn. Gegen den Willen des Apostels richtet er die anderen Knechte. 1 Wonach es seinen Gaumen gelüstet, danach streckt er die Hand aus. Er schläft, solange er will, und tut, was er will. Auf niemand nimmt er mehr Rücksicht, hält alle für geringer als sich und treibt sich häufiger in den Städten herum, als er in der Zelle weilt. Vor den Brüdern heuchelt er Keuschheit, während er im Getümmel der Straßen Schiffbruch leidet. Spreche ich etwa mit diesen Worten einen Tadel über das Einsiedlerleben aus? Durchaus nicht; im Gegenteil, ich habe wiederholt sein Gutes hervorgehoben. Ja ich wünsche, daß aus der Schule der Klöster solche Kämpfer hervorgehen, welche vor den harten Anforderungen des Einsiedlerlebens nicht zurückschrecken, welche in langer Übung eine Probe ihres Wandels abgelegt haben, die sich unter allen die Niedrigsten dünken, um so die ersten unter allen zu werden, 2 die weder durch Hunger noch durch reichliche Nahrung aus dem Gleichgewicht kommen, die an der Armut sich erfreuen, deren Benehmen, Rede, Aussehen und Gang ein Spiegel der Tugenden ist, die darauf verzichten, nach Art törichter Menschen Spukgeschichten zu erzählen von Teufeln, die mit ihnen gekämpft haben, um sich als Wunder von unerfahrenen S. 226 und einfachen Leuten bestaunen zu lassen und daraus ein Geschäft zu machen.
