12.
Als mich in meinen jungen Jahren die Einsamkeit der Wüste schützend umgab, da konnte ich den Anreiz zum Laster und die in der Natur begründete Glut der Sinne nicht mehr ertragen. Obwohl ich sie durch häufiges Fasten gebrochen hatte, brodelte es in meiner Phantasie noch immer von bösen Vorstellungen. Um sie zu überwinden, ging ich zu einem Bruder, der aus dem Judentum Christ geworden war, in die Lehre. Nachdem ich mich früher mit den scharfsinnigen Werken Quintilians, 1 den Schriften des redegewandten Cicero, des ernsten Fronto 2 und des schlichten Plinius 3 beschäftigt hatte, lernte ich jetzt das Alphabet und studierte die hebräischen Vokabeln mit ihren Zisch- und Kehllauten. Was für eine Anstrengung dies kostete, welche Schwierigkeiten zu überwinden waren, wie oft ich verzweifelte, wie oft ich die Sache drangab und voller Lernbegierde wieder aufnahm, das weiß nur ich, der ich es durchgemacht habe, und jene, welche mit mir zusammenlebten. Und heute danke ich Gott, daß ich aus dieser bitteren Buchstabensaat so herrliche Früchte einheimsen kann.
M. Fabius Quintilianus, berühmter Lehrer der Beredsamkeit zur Zeit der Kaiser Vespasian und Domitian. ↩
M. Cornelius Fronto, Sachwalter und Rhetor zur Zeit der Kaiser Hadrian und Antoninus Pius. Ständige Krankheit und großes Unglück in der Familie machten ihn zu einem ernsten Manne. ↩
Gemeint ist der ältere Plinius, der Verfasser der historia naturalis († 79 n. Chr.). ↩
