15.
Keine Kunst lernt sich ohne Lehrer. Selbst die stummen Tiere und die Rudel des Wildes folgen ihren Führern. Die Bienen haben Königinnen, und die Kraniche ziehen dem Leitvogel folgend in der Ordnung eines Buchstabens dahin. 1 In einem Reiche gibt es einen Kaiser, in der Provinz einen Richter. Rom konnte nach seiner Gründung nicht einmal zwei Brüder als Könige ertragen, und die Gründungsfeier endete mit einem Brudermord. In Rebekkas Schoß führten Esau und Jakob miteinander Krieg. 2 In den einzelnen Kirchen gibt es immer nur einen Bischof, einen Archipresbyter, einen Archidiakon, und die ganze kirchliche Ordnung ruht auf den Leitern der Kirchen. Auf dem Schiffe ist ein Steuermann, im Hause ein Herr. Mag das Heer noch so groß sein, man richtet sich nach dem Kommando eines einzigen. Ich will nicht noch ausführlicher werden und den Leser ermüden. Meine Worte zielen darauf hin, Dich zu mahnen, Du mögest nicht nach Deinem Gutdünken leben, sondern in einem Kloster unter der Zucht eines Abtes. Dort lebst Du in Gesellschaft vieler und kannst dann von dem einen Demut, von dem anderen Geduld lernen. Der eine wird Dir Vorbild im Schweigen, der andere in der Sanftmut sein. Du sollst nicht tun, was Du willst. Du sollst essen, was man Dir vorsetzt, zufrieden sein mit dem, was Du bekommst, Dich mit dem kleiden, was man Dir gibt. Du sollst die Dir zugewiesene Arbeit tun, Dich einem auch unbeliebten Oberen unterwerfen, müde zur Ruhe gehen, schon im Gehen vor S. 231 Müdigkeit einschlafen und gezwungen sein, aufzustehen, ehe Du ausgeschlafen hast. Wenn die Reihe an Dir ist, sollst Du den Psalm vorsingen, 3 wobei es nicht auf die süße Stimme, sondern auf die innere Gesinnung ankommt nach dem Apostelworte: „Im Geiste und mit dem Herzen will ich lobsingen“, 4 und „Singet in euren Herzen“, 5 hatte er doch das Gebot gelesen: „Singet in Weisheit.“ 6 Du sollst den Brüdern dienen und die Füße der Gäste waschen. Hast Du gelegentlich Unrecht erduldet, so übe Dich im Schweigen. Den Oberen des Klosters fürchte wie Deinen Herrn und liebe ihn wie Deinen Vater! Halte seine Anordnungen für heilsam! Urteile nicht über die Meinung der Vorgesetzten; denn Dir kommt es zu, zu gehorchen und die Befehle auszuführen; sagt doch Moses: „Höre, Israel, und schweige!“ 7 Beschäftigt mit all diesen Dingen, bleibt Dir keine Zeit zu schlechten Gedanken. Wenn Du so von einer Arbeit zur anderen übergehst, wenn die eine die andere ablöst, dann wirst Du Deine Gedanken nur auf das richten, was Dir zu tun auferlegt wird.
Der Kranichzug hat die Form des Y (vgl. Plinius, Nat. hist. X 23, 30). ↩
Gen. 25, 22. ↩
Die Psalmen wurden entsprechend dem Brauch in den ägyptischen Klöstern damals nicht im Wechselgesang rezitiert, sondern jeder Mönch sang den Psalm, wenn die Reihe an ihn kam, ganz, während die übrigen zuhörten. Vgl. Cassian, De coenob. instit. II 5, 10 (CSEL XVII [Petschenig] 22. 25). „Quotidianos orationum ritus volentibus celebrare, unus in medio psalmos cantaturus exsurgit, sedentibus cunctis, ut moris est nunc quoque in Aegypti partibus, et in psallentis verba omni cordis intentione defixis.“ „Tantum a cunctis silentium praebetur, ut, cum in unum tarn numerosa fratrum multitudo conveniat, praeter illum, qui consurgens psalmum decantat in medio, nullus hominum prorsus adesse videatur. ↩
1 Kor. 14, 15. ↩
Eph. 5, 19; Kol. 3, 16. ↩
Ps. 46, 8. ↩
Deut. 27, 9 (nach LXX). ↩
