2.
Diese kurzen Bemerkungen habe ich vorausgeschickt, um zu zeigen, daß die nach einmaliger Ehe gewählte Witwenschaft keineswegs eine Ehre ist, welche S. 189 Du Deiner Familie erweisest, sondern eine Pflicht, die Du ihr schuldest. Nicht deshalb verdienst Du Lob, weil Du der Familie diese Ehre antust, sondern Du würdest Dir allerseits heftigen Tadel zuziehen, wenn Du Dich dieser Verpflichtung der Familie gegenüber entziehen wolltest. Dies ist um so mehr der Fall, als nach des Vaters Tode ein Kind zur Welt kam, das dessen Namen Simplicius trägt. Damit fällt ja die Entschuldigung, daß das Haus leer und ohne Erben bleibt, ein Vorwand, hinter dem sich häufig Lüsternheit verbirgt. Während nämlich oft die Sehnsucht nach dem Kinde die Triebfeder des Handelns zu sein scheint, liegt in Wirklichkeit nur Mangel an Enthaltsamkeit vor. Aber wie komme ich dazu, von Dir wie von einer, die rückfällig geworden ist und wieder heiraten will, zu reden? Weiß ich doch, daß Du Dich unter den Schutz der Kirche stelltest, um den vielen Freiern aus dem kaiserlichen Hofstaate aus dem Wege zu gehen, die der Teufel aufstachelt, um die Keuschheit unserer Witwe auf die Probe zu stellen, welche Herkunft, Schönheit, Alter und Vermögen allen begehrenswert erscheinen lassen. Aber Sieg und Lohn werden um so größer sein, je mehr Hindernisse sich der Wahrung der Keuschheit entgegenstellen.
