6.
Es besteht freilich ein Unterschied zwischen dem, was der Apostel persönlich wünscht, und dem, was er zu wünschen gezwungen ist. Gestattet er eine zweite Ehe, dann liegt dies an meiner Unenthaltsamkeit, nicht aber daran, daß er es wünscht. Er will, daß alle so seien wie er selbst, daß sie bedacht seien auf das, was Gottes ist, und, einmal frei geworden, sich nicht wieder von neuem binden. 1 Sieht er aber einen straucheln und infolge seiner Unenthaltsamkeit sich dem Abgrund des Lasters nähern, dann reicht er ihm die Hand und weist auf die Möglichkeit einer zweiten Ehe hin; denn schließlich zieht er es vor, daß man eine Frau heiratet, statt sich mit mehreren abzugeben. Wer nun eine zweite Ehe eingegangen ist, der hüte sich, mir vorzuwerfen, ich spräche gereizt und im Gegensatz zu der vom Apostel aufgestellten Norm. Denn der Apostel bringt einen doppelten Willen zum Ausdruck. Der eine befiehlt: „Ich sage aber den Nichtverheirateten und den Witwen, sie tuen gut, wenn sie so bleiben, wie auch ich bin.“ Der andere aber ist gemäßigter und sagt: „Wenn sie sich aber nicht enthalten, so mögen sie heiraten; denn besser ist heiraten als brennen.“ 2 Im ersten Falle macht er seinen persönlichen Wunsch geltend. Im zweiten führt er an, was zu wollen er gezwungen wird. Er will, daß wir auch nach der Heirat so bleiben wie er selbst, 3 und des Apostels Vorbild soll uns das Glück der Enthaltsamkeit veranschaulichen. Sieht er aber, daß wir nicht wollen, was er will, dann macht er unserem Mangel an Enthaltsamkeit Zugeständnisse. Welchem seiner beiden Willen wollen wir uns nun anpassen, dem, den er persönlich wünscht und der an sich gut ist? Oder werden wir uns zu dem entschließen, was nur im Vergleiche mit einem S. 196 Übel als besserer Zustand zu gelten hat und in gewissem Sinne nicht gut ist, weil es nur den Vorzug vor einem Übel verdient? 4 Wenn wir uns nun für das entscheiden, was der Apostel nicht will, aber zu wollen gezwungen ist, oder, besser gesagt, denen zugesteht, die nach dem Geringeren trachten, dann erfüllen wir nicht des Apostels, sondern unseren Willen. Im Alten Testamente lesen wir, daß die Hohenpriester nur einmal verheiratet waren und daß die Töchter der Priester, wenn sie Witwen geworden waren, aus den für die Priester bestimmten Speisen ihren Unterhalt beziehen sollten. Waren sie gestorben, so stand ihnen eine Leichenfeier wie bei Vater und Mutter zu. Hatten sie aber wieder einen Mann genommen, so sollten sie sich vom Vater trennen und keinen Anteil an den Opfergaben haben, gleich als ob sie nicht mehr zur Familie gehörten. 5
