1. Vom Papst Gregor zu Rom
Im fünfzehnten Jahre König Childeberts kam 590 einer unserer Diakone von Rom mit Reliquien der Heiligen zurück und erzählte, daß im November des Jahres zuvor der Tiberfluß ausgetreten sei und die Stadt Rom dermaßen überschwemmt habe, daß manche Tempel aus dem Altertum einstürzten und die Vorratshäuser der Kirche zerstört wurden, in denen einige tausend Scheffel Weizen zugrunde gingen. Auch schwammen eine Menge von Schlangen samt einem Drachen, der so dick wie ein starker Balken war, den Fluß hinab in das Meer hinein, aber in den salzigen Fluten des stürmischen Meeres kamen die Tiere um und wurden an das Gestade ausgeworfen. Hierauf zeigte sich alsbald die Drüsenpest1 Und zwar brach sie in der Mitte des Januar aus und befiel zuerst nach den Worten, die man im Propheten Hesekiel liest: „Fanget aber an an meinem Heiligtum2 den Papst Pelagius, und er starb sofort, nachdem ihn die Krankheit ergriffen hatte3 Sobald er tot war, entstand ein großes Sterben unter dem Volk von dieser Pest. Da aber die Kirche Gottes nicht ohne einen Führer sein konnte, wählte das gesamte Volk den Diakon Gregorius4 zum Papste. Dieser stammte aus einem der vornehmsten römischen Geschlechter5 und lebte von Jugend an in der Furcht des Herrn. S. 86 Er gründete aus seinem eigenen Vermögen sechs Klöster in Sizilien und richtete ein siebentes in den Ringmauern der Stadt Rom ein und übermachte diesen Klöstern so viel Land, daß es ausreichte, ihren täglichen Bedarf zu bestreiten; was er sonst hatte, verkaufte er samt seinem ganzen Haushalte und verteilte es unter die Armen. Er selbst, der sonst in Seide ging und in Prachtgewand, schimmernd von Edelsteinen, durch die Stadt einherzuschreiten pflegte, trug nun schlichtes Gewand, wurde für den Dienst am Altar des Herrn geweiht und als der siebente Diakon zur Unterstützung des Papstes6 bestellt. Er zeigte solche Enthaltsamkeit im Essen, solche Wachsamkeit im Gebet, solchen Eifer im Fasten, daß sein Magen darunter litt und er nur mit Mühe sich aufrecht erhielt. In den Wissenschaften der Grammatik, der Dialektik und Rhetorik war er so unterrichtet, daß man meinte, er stände darin sogar zu Rom keinem andren nach. Der hohen Stellung, zu der man ihn jetzt berief, wollte er mit aller Gewalt sich entziehen,7 damit ihn nicht, wenn er solche Macht erlangte, wieder der Hochmut der Welt beschleiche. Deshalb schickte er auch einen Brief an den Kaiser Mauricius, dessen Sohn er aus der heiligen Taufe gehoben hatte8 und bat und beschwor ihn dringend, er möchte die Wahl des Volkes nicht genehmigen und nicht zugeben, daß es ihn zu solcher Macht und Ehre erhöbe. Aber Ger- S. 87 manus, der Statthalter der Stadt Rom(1) fing seinen Boten ab, ergriff ihn, zerriß seine Briefe und sandte die WahLurkunde, welche das Volk ausgestellt hatte, an den Kaiser ab. Und dieser dankte, da er Gregor befreundet war, Gott dafür, daß er eine Gelegenheit gefunden hatte, diesen Mann zu befördern, erließ die Bestätigungsurkunde(2) und gebot ihn einzusetzen. Und als alles soweit war, daß er geweiht werden sollte, ermahnte er, da die Seuche noch in der Stadt wütete, das Volk zur Buße mit folgenden Worten.
Papst Gregors Rede an das Volk(3)
„Die Strafen Gottes, geliebteste Brüder, welche wir schon, als sie noch nicht über uns hereingebrochen waren, zu fürchten hatten, müssen uns um so mehr jetzt mit Schrecken erfüllen, da sie über uns gekommen sind und wir sie vor Augen haben. Den Weg zur Bekehrung soll uns die Not weisen, und die Strafe, welche wir leiden, soll die Härtigkeit unsres Herzens er-weichen, wie es beim Propheten heißt: ,Das Schwert reichet bis an die Seele'(4) Siehe, das ganze Volk wird von dem Schwerte des himmlischen Zorns getroffen und einer nach dem ändern von einem plötzlichen Tode dahingerafft. Und es geht nicht ein langes Siechtum dem Tode vorher, sondern der Tod, wie ihr sehet, ereilt die Menschen vor dem Siechtum. Wen die Seuche trifft, der wird dahingerafft, ehe er sich zur Reue und S. 88 Buße bekehren kann. Erwäget aber wohl, wie der vor dem Throne des strengen Richters erscheinen wird, dem nicht einmal die Zeit bleibt, das zu beweinen, was er getan hat. Nicht nur ein Teil der Einwohner wird vom Tode dahingerafst, nein, sie sinken alle miteinander in das Grab; die Häuser bleiben leer, die Eltern sehen ihre Kinder zu Grabe tragen, und ihre Erben eilen ihnen zum Tode voran. Ein jeder also von uns wende sich zur Buße und beklage seine Sünden, da es noch Zeit ist zu Tränen, ehe ihn das Verderben ereilt. Stellen wir vor unser geistiges Auge, was wir gefehlt und gesündigt haben, und strafen wir uns unter Tränen für alles, was wir böslich begangen haben. Laßt uns mit dem Bekenntnis unsrer Sünden vor sein Angesicht kommen'(1) und »Laßt uns', wie der Prophet uns ermahnt, »unser Herz samt den Händen aufheben zu Gott im Himmel(2) Zu Gott die Herzen und Hände erheben, heißt den Eifer unsres Gebets durch das Verdienst guter Werke erhöhen. Es gibt uns aber in unserer Angst wahrlich, es gibt uns Vertrauen der, welcher durch den Propheten ruft: »Ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß sich der Gottlose bekehre und lebe'(3) Keiner aber verzweifle wegen der Größe seiner Versündigungen; denn auch die verrotteten Sünden der Niniviten tilgte die Buße dreier Tage,(4) und der Schächer, der sich bekehrte, gewann den Lohn des ewigen Lebens noch in der Todesstunde(5) Wir sollen uns daher bekehren in unsrem Herzen und dann gewiß sein, daß wir schon besitzen, worum wir bitten. Schnell gibt der Richter unsren Bitten Gehör, wenn, der ihn bittet, sich von seiner Missetat S. 89 bekehrt. Droht uns also das Schwert der göttlichen Strafe, so lasset uns mit Tränen und Gebet in Gott dringen. Denn die Dringlichkeit, die den Menschen nicht zu gefallen pflegt, gefällt dem höchsten wahrhaftigen Weltenrichter wohl, da der liebreiche und barmherzige Gott will, daß wir die Gnade von ihm verlangen sollen durch unser Gebet, er, der uns nicht strafen will, wie wir es verdienen. Denn so spricht er durch den Psalmisten: ,Rufe mich in der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen'(1) Er selbst also bezeugt von sich, daß er sich derer erbarmen will, die ihn anrufen, und ermahnt selbst, daß man ihn anrufe.
Wir wollen uns daher, geliebteste Brüder, zerknirschten Herzens und gebessert in unserm Wandel, bereit zu Tränen und Reue, bei der Morgenröte des vierten Wochentags(2) in der Ordnung, die ich euch angeben werde, versammeln, um einen siebenfachen Bittgang(3) zu halten, auf daß der gestrenge Richter, wenn er sieht, daß wir uns selbst für unsere Sünden strafen, von dem Spruch der Verdammnis, der über uns verhängt ist, abstehe. Die Geistlichkeit ziehe mit den Priestern des sechsten Bezirks(4) von der Kirche der heiligen Märtyrer Cosmas und Damianus aus; die Äbte insgesamt mit ihren Mönchen und den Priestern des vierten Bezirks von der Kirche der heiligen Märtyrer Gervasius und Protasius; die Äbtissinnen insgesamt mit ihren Nonnen und den Priestern des ersten Bezirks von der Kirche der heiligen Märtyrer Marcellinus und Petrus; alle Kinder mit den Priestern des zweiten Bezirks von der Kirche der heiligen Märtyrer Johannes und Paulus; alle Laien mit den Priestern des siebenten Bezirks von der Kirche des heiligen Erzmärtyrers S. 90 Stephanus; alle Witwen mit den Priestern des fünften Bezirks von der Kirche der heiligen Eufemia; alle Ehefrauen mit den Priestern des dritten Bezirks von der Kirche des heiligen Märtyrers Clemens. So wollen wir unter Gebet und Tränen von den einzelnen Kirchen ausziehen und uns dann in der Kirche der heiligen Maria, der unverletzten Jungfrau, der Mutter unsres Herrn Jesu Christi, zusammenfinden, auf daß wir dort anhaltend unter Tränen und Seufzen zum Herrn beten und Verzeihung für unsere Sünden erlangen".
Und als er so gesprochen hatte, ließ er die Scharen der Geistlichen zusammentreten und befahl ihnen, drei Tage lang Psalmen zu singen und die Barmherzigkeit Gottes anzurufen. Bon der dritten Stunde des Tages(1) an zogen dann die Chöre unter Psalmengesang von beiden Seiten zur Kirche und riefen durch die Straßen der Stadt: L^rLe tzleiboii! Es erzählte unser Diakon, der zugegen war, daß damals im Verlauf einer Stunde, während das Volk die Stimmen im Gebet zum Herrn erschallen ließ, achtzig Menschen zu Boden gestürzt und gestorben seien(2) Doch dieser große Bischof(3) hörte nicht auf das Volk zu ermahnen, es solle im Gebete nicht Nachlassen. Von ihm empfing unser Diakon die Reliquien der Heiligen, von denen ich oben gesprochen habe, und zwar, als Gregor selbst noch Diakon war.
Da er aber, um der Weihe zu entgehen, sich zu verbergen und zu flüchten suchte, wurde er ergriffen, fortgeschleppt und zur S. 91 Kirche des heiligen Apostels Paulus gebracht(1) Dort wurde ihm die bischöfliche Weihe erteilt und er zum Papst der Stadt Rom eingesetzt. Unser Diakon ruhte nicht eher, als bis er zu seiner Bischofsweihe von Porto(2) zurückkehrte und mit eigenen Augen sah, wie er geweiht wurde.
Bd. I. S. 162. Anm. 5. ↩
Hesekiel 9. S. ↩
Papst PelagiuS II. starb am 7. Februar 590. ↩
Gregor den Großen. Die nachfolgenden Angaben sind neben dem, was Gregor der Große selbst von sich sagt, die einzigen gleichzeitigen Nachrichten über ihn. ↩
Wir wissen nicht, aus welchem; zu Gregors Vorfahren zählte Papst Felix III. ↩
Rom war, unabhängig von der alten bürgerlichen Einteilung in vierzehn Bezirke, für kirchliche Zwecke in sieben Regionen geteilt. Diese führt das Papstbuch M. O. Ossts, pontt. Rorn. I, 7) auf den vierten Papst, Clemens I. zurück. Ihnen entsprachen sieben nach der gleichen Quelle sa. a. O. 9) von dem übernächsten Nachfolger des Clemens, Evaristus, eingesetzte Diakonen. ↩
Er folgte damit nur der kirchlichen Etikette, wie ein Gesetz Kaiser Leos I. vom I. 469 sie ausdrücklich vorschrieb (Cod. Justinianeus I. 3,30,4) und er selbst sie formuliert (Reg. pastoralis 1,7): quia valde difficile est purgatum se quemlibet posse cognoscere, praedicationis officium tutius declinatur; nec tamen declinari pertinaciter debet, cum ad suscipiendum hoc superna voluntas agnoscitur. ↩
Vom Jahre 579 bis 566 hatte Gregor als Geschäftsträger sApocrtstartuS) der römischen Kirche zu Konstantinopel gelebt. ↩
