25. Von einem Manne, der sich für Christus ausgab
In Gallien1 suchte die oftgenannte Seuche die Provinz von Marseille heim. Die Gebiete von Angers, Nantes und Le Mans litten unter großer Hungersnot. Damit hebt sich allererst die Not an2 wie der Herr im Evangelium sagt: „Es werden sein Pestilenz und teuere Zeit und Erdbeben hin und wieder3 und es werden sich erheben falsche Christi und falsche Propheten, die Zeichen und Wunder tun, daß sie auch die Auserwählten verführen"4 wie solches alles in dieser Zeit geschehen ist. Ein Mann nämlich aus dem Gebiet von Bourges ging eines Tages in den Wald, um Holz für irgendeine Arbeit zu fällen; dort überfiel ihn, wie er dies später selbst erzählte, ein Fliegenschwarm, und zwei Jahre lang blieb er infolgedessen seiner Sinne beraubt. Hieraus erkennt man schon, daß alles eine arglistige Veranstaltung des Teufels war. Danach aber zog dieser Mann durch die benachbarten Städte und kam bis in die Provinz von S. 141 Arles. Hier kleidete er sich in Felle, betete wie ein auserwählter Frommer, und um ihn zu verführen, verlieh ihm der Widersacher(1) sogar die Gabe der Wahrsagung. Darauf, damit er noch greulichere Sünden beginge, brach er von dort auf, verließ die genannte Provinz und kam in das Gebiet der Stadt Javols, gab vor, er sei etwas Großes(2) und scheute sich nicht, sich für Christus selbst auszugeben. Er hatte aber bei sich ein Weib, gleichwie seine Schwester, die ließ er Maria nennen. Und es strömte ihm eine große Menge Volks zu und brachte die Kranken herbei, die er durch seine Berührung gesund machte. Es trugen ihm die, so ihm zuliefen, auch Gold, Silber und Kleider zu, er schenkte aber alles den Armen, auf daß er leichter täuschte, warf sich auf den Boden und betete inbrünstig samt jenem Weibe, und wenn er dann aufstand, ließ er sich wieder von denen anbeten, die um ihn standen. Er sagte auch die Zukunft vorher; einigen verkündigte er, daß ihnen Krankheiten, andren, daß ihnen Verluste bevorständen, Glück dagegen prophezeite er wenigen. Dies alles richtete er durch teuflische Künste und Gott weiß welche Zaubereien aus. Er verführte hierdurch eine ungeheure Menge Volks, nicht allein ungelehrte Leute, sondern auch Priester der Kirche. Es folgten ihm endlich mehr als dreitausend aus dem Volke nach.
Inzwischen fing er aber an, manche zu berauben und auszuplündern, die er auf der Landstraße fand, und schenkte dann den Raub denen, so nichts besaßen. Den Bischöfen und ihrer Herde in den Städten(3) drohte er den Tod an, weil sie ihn nicht S. 142 verehren wollten. Als er so in das Gebiet der Stadt Delay5 kam, gelangte er an einen Ort mit Namen Anicium, und bei den Kirchen in der Nachbarschaft blieb er mit seinem ganzen Schwarm stehen und ordnete ihn wie einen Heerhaufen, gleich als ob er Aurelius, der damals dort Bischof war, mit Krieg überziehen wollte. Er schickte auch Boten vor sich her, Leute, die nackend tanzten und sprangen, um seine Ankunft zu melden. Der Bischof, hierüber erstaunt, sandte ihm mutige Männer entgegen, die erkunden sollten, wohin es denn mit alledem hinauswolle, was er täte. Und als deren Anführer6 sich scheinbar bückte, um seine Knie zu umfassen und ihm den Weg zu vertreten, befahl er ihn zu ergreifen und auszuziehen7 Da aber zog dieser im Nu sein Schwert und hieb ihn in Stücke, und so fiel jener Christus, den man lieber Antichrist nennen sollte, und starb. Es zerstreuten sich aber alle, die bei ihm waren, und jene Maria entdeckte, als sie auf die Folter gebracht wurde, alle seine Be-trügereien und Zauberkünste. Dennoch kamen jene Leute, welche er durch höllische List verführt hatte, an ihn zu glauben, niemals wieder zu klarem Verstand, sondern sie verehrten ihn noch ferner als Christus und glaubten, daß jene Maria teil an seiner Göttlichkeit habe. In ganz Gallien tauchten damals solche Menschen auf, welche sich unter derartigen Zaubereien für etwas Großes unter dem Volke ausgaben8 und Weiber an sich zogen, die in ihrer Schwärmerei sie als Heilige priesen. Wir selbst haben viele von ihnen gesehen, die wir zur Rede stellten und aus ihrem Irrtum zu reißen suchten.
Auch in Italien brach damals die Pest wieder aus, Paulus DiaconuS IV. 4. ↩
Vgl. EV. Matth. 24,8. ↩
Ev. Matth. 24, 7. ↩
Marc. 13, 22. ↩
Die Hauptstadt muh damals denselben Namen geführt haben wie der dazu gehörige Gau; nur für den letzteren hat sich der Name (le Velay) erhalten; der Hauptort ist jetzt Le Puy (D6P. Haute-Loire), das gleich nachher erwähnte Anicium, das hier deutlich von der damaligen Hauptstadt unterschieden wird. Diese ist in dem jetzigen St. Paulien zu erkennen. Im Altertum hieß dieser Hauptort der Belaver Ruesium oder Revessio. ↩
"Unus ex iis, qui erat senior." Vgl. Bd. II. S. 311. Anm. 1. ↩
Bgl. Bd. ü. S. 24 Anm. 4. ↩
Vgl. Apostelg. 8, 9. ↩
