8. Von Eulalius und der Tetradia
Auf der Grenzmark der Gebiete von Arvern, Javols und Rhodez hielten die Bischöfe eine Synode in der Sache wider Tetradia, die Witwe des Desiderius; denn der Graf Eulalius forderte von ihr die Sachen zurück, die sie einst mit sich genommen hatte(1) als sie von ihm floh. Doch es scheint mir nötig weiter auszuholen, um zu erzählen, wie sie Eulalius verließ nnd zu Desiderius floh.
Eulalius machte nämlich, wie dies die Jugend zu tun pflegt, unbesonnene Streiche, und da ihn seine Mutter oftmals deshalb schalt, faßte er gegen die einen Haß, der er doch Liebe schuldig war. Darauf wurde sie, da sie im Betsaale ihres Hauses unablässig dem Gebet oblag und häufig, wenn ihre Dienerschaft schon schlief, die Nächte wachend und im Gebet und unter Tränen zubrachte, in dem Bußkleid, in dem sie zu beten pflegte, erdrosselt gefunden. Niemand wußte, wer der Täter sei, der Verdacht des Muttermordes aber fiel auf den Sohn. Als dies Cautinus, der Bischof der Stadt Arvern(2) in Erfahrung brachte, schloß er Eulalius von der Kirchengemeinschaft aus. Als aber die Einwohner am Feste des heiligen Märtyrers Julianus um den Bischof versammelt waren, warf sich Eulalius dem Bischof zu Füßen und klagte, daß er ungehört von der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen sei. Da erlaubte ihm der Bischof, mit den andren der Meßfeier beizuwohnen. Als man jedoch dazu schritt, das Abendmahl zu nehmen und Eulalius auch zum Altäre trat, sprach der Bischof: „Das Gerücht unter dem Volke be- S. 101 zeichnet dich als den Mörder deiner Mutter. Ich weiß nicht, ob du dies Verbrechen begangen hast oder nicht. Deshalb stelle ich Gott und dem heiligen Julianus das Urteil anheim. Bist du, wie du behauptest, unschuldig, so tritt näher, empfange einen Teil des heiligen Brotes und genieße es. Gott wird dir in das Gewissen sehen!" Jener nahm das Brot, genoß es und entfernte sich. Dieser Mann also hatte zum Weib die Tetradia, die von ihrer Mutter Seite von vornehmer Abkunft ist, ihr Vater war von geringerer Geburt. Da er aber zugleich im Hause mit seinen Mägden Umgang hatte, fing er an sein Eheweib zu vernachlässigen, und wenn er von seinen Dirnen kam, mißhandelte er sie sogar oftmals schwer. Auch hatte er für vielerlei Übeltaten(1) manche Schulden ausgenommen, und um diese zu decken, nahm er häufig die Schmucksachen und das Gold seines Weibes. Da sie sich nun in solchem Elend sah und alle Ehre, welche sie im Hause ihres Mannes gehabt hatte, einbüßte, richtete, als ihr Mann zum König gezogen war, ein gewisser Virus, ein Neffe ihres Mannes, sein Auge auf sie(2) und wollte sie zur Ehe nehmen, denn er hatte seine Frau verloren. Virus schickte daher Tetradia, weil er die Feindschaft seines Oheims fürchtete, zum Herzog Desiderius, um sie in der Folge zu heiraten. Sie nahm das ganze Vermögen ihres Mannes an Gold und Silber, wie an Kleidern, und alles, was sich nur fort-schaffen ließ, mit sich, wie auch ihren älteren Sohn, während sie den jüngeren daheim zurückließ. Als nun Eulalius von seiner Reise zurückkehrte, erfuhr er, was geschehen war. Und als seine Wut sich gelegt und er sich ein wenig beruhigt hatte, S. 102 überfiel er seinen Neffen Virus und erschlug ihn in einer Schlucht des Arvernergebirges. Als aber Desiderius hörte, daß Virus erschlagen sei, nahm er selbst Tetradia in sein Bett auf(1) denn auch er hatte vor kurzem sein Weib verloren. Eulalius jedoch entführte eine Jungfrau aus dem Kloster von Lyon und nahm sie zu sich. Seine Buhldirnen verwirrten ihm aber aus Eifersucht, wie es heißt, durch Zaubertränke die Sinne. Geraume Zeit später überfiel er heimlich den Emerius, einen Vetter der Jungfrau, die er entführt hatte, und tötete ihn. Auch erschlug er den Socratius, den Bruder seiner Schwiegermutter, den ihr Vater mit einem Kebsweibe erzeugt hatte. Er verübte noch viele andre Verbrechen, doch es würde zu weit führen, sie alle aufzuzählen. — Sein Sohn Johannes, der mit der Mutter entflohen war, verließ später das Haus des Desiderius und begab sich nach Arvern. Und da sich damals gerade Jnnocentius(2) um das Bistum in der Stadt Rhodez bewarb, sandte Eulalius zu ihm, um die Güter, welche ihm im Gebiet dieser Stadt gehörten, durch seinen Beistand wieder zu erhalten. Jnnocentius aber antwortete: „Wenn du mir einen von deinen Söhnen schickst, daß ich ihn in den geistlichen Stand aufnehme und zu meiner Unterstützung behalte, so will ich dir gewähren, worum du mich bittest". Da sandte jener ihm diesen seinen Sohn Johannes und erhielt sein Eigentum zurück. Bischof Jnnocentius aber nahm den Knaben an, schor ihm das Haar und übergab ihn dem Erzdiakon seiner Kirche(3) Und dieser S. 103 Knabe zeigte sich so enthaltsam, daß er statt WeizenGerstenbrot aß, Wasser statt Wein trank, statt auf einem Pferde auf einem Esel ritt und nur die schlechtesten Kleider trug.
Als nun, wie wir oben erzählten, die Bischöfe und die ange-sehensten Männer an der Grenzmark der erwähnten Städte zusammentraten, wurde Tetradia von Agynus(1) vorgeführt, und Eulalius trat als Kläger gegen sie auf. Und da er die Sachen zurückverlangte, welche sie aus seinem Hause mitgenommen hatte, als sie zn Desiderius entfloh, wurde das Urteil gefällt, Tetradia sollte alles, was sie mitgenommen, durch den vierfachen Wert desselben vergüten, und die Kinder, welche sie von Desiderius habe, sollten nicht für ehelich gelten. Es wurde ferner noch bestimmt, wenn sie Eulalius bezahlen würde, was festgesetzt war, sollte sie die Erlaubnis erhalten, nach Arvern zurückzukehren, und die Güter, welche ihr aus der Erbschaft ihres Vaters zugefallen waren, ohne alle Beeinträchtigung benutzen können. Und so geschah es.
