29. Von dem frommen Wandel u. d. Ende des heiligen Aredius
In diesem Jahr verließ auch Aredius1 da der Herr ihn abrief, diese Welt und ging in den Himmel ein. Er war S. 147 aus der Stadt Limoges und entstammte nicht einer geringen Familie seiner Heimat, sondern war von freiem und edlem Geschlecht. Er wurde dem König Theudebert übergeben und von diesem unter seine Edelknaben2 ausgenommen. Es lebte aber dazumal in der Stadt Trier der Bischof Nicetius, ein ausgezeichnet frommer Mann, der nicht nur als ein Prediger von wunderbarer Beredsamkeit, sondern auch wegen seiner guten Werke und großen Wundertaten von allem Volke sehr hoch ge-halten wurde. Der sah den Jüngling im königlichen Palast und entdeckte in seinem Antlitz etwas Göttliches und befahl demselben, ihm zu folgen. Da verließ er den Palast des Königs und folgte dem Bischof nach. Und da sie in dessen Zelle eintraten und über die göttlichen Dinge miteinander sprachen, bat der Jüngling den heiligen Bischof, er möchte ihn bessern, belehren, unterweisen und in den heiligen Schriften unterrichten. Und als er voll Eifer für die Erkenntnis Gottes bei dem genannten Bischof lebte und sich schon das Haar hatte scheren lassen3 flog eines Tages, während die Geistlichen in der Kirche Psalmen sangen, eine Taube von der Decke auf ihn herab, flatterte mit leichten Flügelschlägen uw ihn herum und ließ sich auf sein Haupt nieder, zum Zeichen, wie ich glaube, daß er schon mit der Gnadengabe des heiligen Geistes erfüllt sei. Da er aber, nicht ohne fromme Scham, sie wegzuscheuchen versuchte, flatterte sie nur ein wenig um ihn herum und setzte sich dann abermals auf sein Haupt und seine Schulter und begleitete ihn S. 148 unaufhörlich nicht allein dort, sondern auch in die Zelle des Bischofs. Nicht ohne Staunen sah der Bischof, daß dies viele Tage geschah. Darauf kehrte Aredius, der Mann Gottes, der bereits, wie erzählt, vom heiligen Geist erfüllt war, als sein Vater4 und sein Bruder gestorben waren, in die Heimat zurück, um seine Mutter Pelagia zu trösten, welche keinen Angehörigen mehr hatte, als diesen ihren Sohn. Da er aber sich nun ganz dem Fasten und Beten hingab, bat er sie, alle Sorge für das Haus, als da ist die Aufsicht über das Gesinde, die Bestellung der Äcker und der Weinberge über sich zu nehmen, auf daß ihn nichts im Gebete stören und davon abhalten möchte; nur das eine Recht behielt er sich vor, den Bau der Kirchen selbst zu leiten. Er baute also, um mich kurz zu fassen, Gotteshäuser zu Ehren der Heiligen, suchte Reliquien derselben zu erhalten, ließ einigen von seinem eigenen Gesinde das Haar scheren und machte sie zu Mönchen und gründete ein Kloster5 das nicht nur der Regel des Cassianus, sondern auch des Basilius6 und der andren Äbte, welche das klösterliche Leben begründet haben, folgte. Seine fromme Mutter sorgte selbst für den Lebensunterhalt und die Kleidung der Mönche, doch ließ sie sich von dieser schweren Last der Arbeit nicht behindern Gott zu loben, sondern brachte immerdar, auch wenn sie irgendeine Arbeit ausführte7 Gott ihr Gebet dar, gleich dem Duft eines wohl- S. 149 gefälligen Brandopfers. Inzwischen sammelten sich Kranke um den heiligen Aredius, und er heilte einen jeden, indem er seine Hand unter dem Zeichen des Kreuzes auf ihn legte. Wollte ich ihre Namen der Reihe nach aufzählen, ich würde weder imstande sein, ihre Zahl zu erschöpfen noch alle Namen der Geheilten zu nennen, nur das eine weiß ich, daß jeder, der krank zu ihm kam, gesund fortging. Indessen will ich von seinen größeren Wundertaten einige berichten.
Als er einstmals mit seiner Mutter eine Reise machte und zu der Kirche des heiligen Julianus gehen wollte, kamen sie am Abend an einen Ort, der war dürr und unfruchtbar, denn es stoß daselbst kein Wasser. Und es sagte die Mutter zu ihm: „Mein Sohn, hier haben wir kein Wasser, wie können wir diese Nacht hier verweilen?" Da warf er sich zum Gebet nieder und betete lange zum Herrn, und als er sich erhob, steckte er die Gerte, welche er in der Hand hatte, in die Erde, drehte sie zweioder dreimal im Kreise herum und zog sie dann guten Muts heraus. Und bald folgte ihr ein so starker Wasserstrahl nach, daß er nicht nur ihnen zum Trunk in dieser Nacht hinreichte, sondern auch späterhin vollauf Wasser für das Vieh gab. — Ganz vor kurzem, als er sich auf einer Reise befand, zog eine schwarze Regenwolke auf ihn zu. Da er die erblickte, neigte er ein wenig sein Haupt auf das Pferd, das er ritt, und streckte seine Hände aus zum Herrn. Und als er sein Gebet vollendet hatte, teilte sich die Wolke in zwei Teile, und ringsherum um sie8 ergoß sich ein gewaltiger Regen, auf sie selbst jedoch fiel, sozusagen, auch nicht ein einziger Tropfen. — Wistrimund, mit dem Beinamen Tatto, einen Einwohner von S. 150 Tours, peinigten heftige Zahnschmerzen, und es war ihm davon der Kinnbacken geschwollen. Als er dies dem heiligen Manne klagte, legte dieser seine Hand auf die schmerzhafte Stelle, sofort schwand der Schmerz und kehrte niemals wieder, den Mann zu quälen. Dies hat mir der, dem es widerfahren, selbst erzählt. — Von andren Zeichen aber, die der Herr getan hat, indem er in seinen Händen die Wunderkraft des heiligen Märtyrers Julianus und des heiligen Bekenners Martinus wirksam werden ließ, habe ich viele in den Büchern der Wunder nach dem berichtet, was er mir selbst mitgeteilt hat(1)
Nach diesen und vielen andren Wundertaten, welche er unter dem Beistände Christi vollführte, kam er nach dem Feste des heiligen Martinus nach Tours und hielt sich hier kurze Zeit auf. Und er sagte uns, daß er nicht lange mehr hienieden leben und sicherlich bald abscheiden werde. So sagte er uns Lebewohl und zog von dannen, und dankte dabei Gott, daß es ihm vor seinem Tode noch gegönnt gewesen sei, das Grab des heiligen Bischofs zu küssen. Und als er zu seinem Kämmerlein gekommen war, machte er sein Testament(2) ordnete alles und setzte die heiligen Bischöfe Martinus und Hilarius zu seinen Erben ein. Darauf erkrankte er an der Ruhr. Und am sechsten Tage seiner Krankheit begann ein Weib, das, öfters von einem unsaubren Geiste heimgesucht, durch den Heiligen nicht befreit werden konnte, dem er die Hände auf den Rücken hatte binden lassen, zu schreien und zu sagen: „Kommet herbei, ihr Bürger, S. 151 frohlocke, Volk, ziehet entgegen den Märtyrern und Bekennern, die zur Leichenfeier des heiligen Aredius herbeikommen! Seht, es erscheint Julianus von Brioude, Privatus von Mende, Martinus von Tours und Martialis aus eurer eigenen Stadt. Es erscheint Saturninus von Toulouse, Dionysius von der Stadt Paris und noch manche andere, welche der Himmel in sich schließt und die ihr als Bekenner und Märtyrer Gottes ver-ehrt". Als sie bei anbrechender Nacht dies Geschrei erhob, wurde sie von ihrem Herrn in Fesseln gelegt; aber man konnte sie nicht halten, sondern sie zerbrach ihre Bande und lief unter solchem Geschrei nach dem Kloster hin. Alsbald aber hauchte der heilige Mann den letzten Atem aus, nicht ohne den deutlichen Beweis, daß er von den Engeln ausgenommen sei. Jenes Weib aber wurde mit noch einer andren Frau, die von einem bösen Geiste geplagt war, bei seiner Leichenfeier, als er eben vom Grabe bedeckt war, von den Nachstellungen des bösen Feindes befreit. Ich glaube, nur deshalb konnte er nach Gottes Ratschluß bei seinen Lebzeiten sie nicht befreien, daß seine Leichenfeier durch dies Wunder verherrlicht werden sollte. Als er bestattet war, kam eine andere Frau, der der Mund weit offen stand und die nicht reden konnte, zu seinem Grabe, und als sie es geküßt hatte, erhielt sie die Gabe der Rede wieder.
Vgl. oben B. VIII. Kap. 15 und Kap. 27. Gregor erwähnt ArediuS (oder Aridius) häufig in seinen hagiographischen Schriften. Er war für diese ein Hauptgewährsmann Gregors. Vgl. über ihn B. Krusch, N. O. 88. Nsr.Nsr. I. 457 f. und III, 576ff.; hier 581 ff. auch eine jüngere, vielfach aus Gregor schöpfende Lebensbeschreibung des Heiligen. Ein Aredius zugeschriebeneS Testament ist -um mindesten verdächtig; darüber zuletzt B. Krusch, LI. O. 88. Rer. Nsr. III, 577 f. und NeueArchiv XXXIV (1909) 295. ↩
Aulici palatini. Der Ausdruck kann im allgemeinen Hofleute bezeichnen, bezieht sich aber in diesem Falle auf die dem Hofe übergebenen Söhne vornehmer Eltern. Vgl. Bd. II. S. 91 Anm. 1 und Waitz, VG. II, 2,106 Anm. 4. ↩
Vgl. Bd. II. S. 149. Anm. 3. ↩
Die Mutter des Aredius hieß Pelagia» ein Bruder Renosind (lüdsr in ßloris. oonk688orurn o. 102, Os virtb. 8. Alurbiul O. 39), der Name des Baters hat sich nicht erhalten. ↩
Wohl St. Arieix (D6p. Haute-Bienne). ↩
Die Regeln des Basilius von Caesarea (f 379), von denen nur die eine sicher ihm gehört, waren im Abendlande in einem lateinischen Auszug im Umlauf, den Rusinus von Aquileja 394 angefertigt hatte. — Johannes CassianuS (gest. nicht nach 435) ist der Vater des südgallischen Mönchtums; ob aber Gregor mit seiner „Regelnur einen vielgebrauchten gleichzeitigen Auszug aus seinen Werken oder eine uns in jüngeren Hfl. entgegentretende wirkliche Regel meint, bleibt ungewiß; vgl. H. Plenkers. Untersuchungen zur Überlieferungsgeschichte der ältesten lateinischen Mönchsregeln 76. ↩
Vgl. Sulpicius SeveruS, V. 8. Llartini e. 26 (68LO. 1.136): nimirum ut fabris ferrariis moris est, qui inter operandum pro quodam laboris levamine incudem suam feriunt, ita Martinus etiam, dum aliud agere videretur, semper orabat ↩
Um Aredius und seine Begleiter. ↩
