Neuntes Kapitel. Julian wird zum Augustus ausgerufen, und rüstet sich zum Kriege gegen den Konstantius.
S. 237 [J. 360.]. 1. Julian hielt sich damals zu Parisii1, einer kleinen Stadt Germaniens, auf: die Soldaten aber, die zum Abzuge gerüstet waren, schmaußten bis tief in die Nacht in der Gegend seiner Residenz, und dachten nicht an die Entwürfe2 gegen den Cäsar. 2. Einige der Tribunen aber fanden nun das, was längst gegen ihn entworfen war, durch die That bestätigt. Sie streueten daher unbemerkt in der Mitte der Soldaten anonyme Briefe aus, und eröffneten ihnen durch dieselben: der Cäsar, dessen Kriegseinrichtungen sie fast alle die, über die Feinde errichteten Siegeszeichen zu danken haben, und der in der Schlacht sich von keinem unter ihnen im geringsten unterscheide, werde in die äußerste Gefahr gerathen, indem ihm Konstantius bald alle Macht entziehen würde, wenn nicht alle Soldaten sich vereinigten, den Abzug zu hindern. 3. Verschiedene Soldaten lasen die umhergestreueten Briefe, machten den Entwurf den andern bekannt, und reizten alle zum S. 238 Unwillen. 4. Izt erhoben sie sich vom Trunke mit vielem Geräusche, und eilten, mit den Pokalen noch in der Hand, zur Residenz, brechen die Pforten ohne Achtung auf, führen den Cäsar öffentlich herab, und setzen ihm das Diadem mit Gewalt aufs Haupt. 5. Julian zürnte zwar über das, was ihm geschahe, hielts aber doch nicht für sicher, das Geschehene zu widerrufen. Ob er nun gleich wußte, daß Konstantius weder Eidschwur noch Verträge hielt, und überhaupt nichts achtete, was Andern heilig ist, wollte er doch seine Gesinnung prüfen, und schickte Abgeordnete mit der Nachricht, an ihn: Die Ausrufung sey wider seinen Willen und Entschluß vor sich gegangen. Gebe er seine Einwilligung, so sey er bereit, die Würde eines Cäsars zu behalten, das Diadem hingegen abzulegen. 6. Konstantius aber gieng in seinem Zorne und Uebermuthe so weit, daß er den Abgeordneten erklärte: „Wenn Julian sein Leben liebe, so solle er nebst der Augustenwürde auch das Amt eines Cäsars niederlegen, sich als Privatmann darstellen, und dem Willen des Augustus unterwerfen. Alsdann werde ihm kein Leid, und nicht das er verdient hätte, widerfahren.“ ― 7. Wie Julian dieses von den Abgeordneten vernahm, zeigte er öffentlich, was er von den Göttern für eine Meinung habe. Denn er sagte so laut, daß es jedermann hören konnte: er halte es für besser, den Göttern, als den Reden Konstantius sich und sein Leben anzuvertrauen. 8. Izt nun war des Konstantius S. 239 Abneigung gegen den Julian jedermann bekannt, und jener rüstete sich zum einheimischen Kriege. Dem Julian aber machten diese Ereignisse großen Kummer: viele möchten, wenn er mit demjenigen kriegte, der ihm die Würde eines Cäsars ertheilte, ihn für undankbar halten. 9. Indem er nun unter diesen Umständen alles von allen Seiten überdachte, und zum bürgerlichen Kriege sehr unentschlossen war, verkündigte ihm die Gottheit die Zukunft in einem Traume. [J. 361.] Denn während seines Aufenthalts zu Vienna3 dünkte ihm im Schlafe, der Gott der Sonne zeige ihm die Gestirne, und spreche diese Worte:
10. Kömmt einst Zevs zu des Wassermanns Ziele, und schreitet
Kronos zu dem fünf und zwanzigsten Theile der Jungfrau,
Dann wird der König Konstantius, innerhalb Asiens Gränzen,
Seines Lebens verhaßtes Ende mit Schmerzen erreichen.
11. Im Vertrauen auf diesen Traum fuhr er fort, sich nach seiner Gewohnheit mit den Angelegenheiten des Staats zu beschäftigen, und wandte, so lange es noch Winter war, die nöthige Sorgfalt gegen die Barbaren, damit im Gallierlande, im Fall’ er sich mit andern Dingen befassen müßte, alles in Sicherheit bliebe. Auch bereitete er sich, da S. 240 Konstantius noch im Morgenlande war, seiner Unternehmung zuvorzukommen.
Der Oxforder Herausgeber des Zosimus glaubt, unter diesem Namen sey das Celtische Gallien zu verstehen, Cellarius aber und Heyne halten den Beisaz für verdächtig. Daher der leztere ihn ausstreicht. Uebrigens ists bekannt, daß man von dem Pallaste, wo Julian sich aufhielt, noch Spuren findet. ↩
Des Konstantius. ↩
Im Lande der Allobrogen, nachmaligem Dauphine. ↩
