Dreißigstes Kapitel. Wahl des Jovianus zum Kaiser ― Fernere Beschwerlichkeiten des Rückzugs.
1. Als nun alle Anführer mit dem Heere sich versammelten, so wurde berathschlagt, wem man die oberste Befehlshaberstelle auftragen sollte, da es nicht möglich sey, den, mitten im feindlichen Lande sie umschwebenden Gefahren ohne Hauptanführer zu entrinnen. 2. Durch die allgemeine Stimme wurde Jovianus, der Sohn des Varronianus, als Anführer der Haustruppen, zum Kaiser gewählt. So ereignete sich, was bis zu Julians Tode geschahe! 3. Jovianus, der nun das Purpurgewand anzog, und das Diadem aufsezte, beschleunigte den Zug. Als er zum Kastelle Sumä1 kam, that die Persische Reiterei, die mehrere Elephanten bei sich hatten, einen Angriff, und brachte dem rechten Flügel einen Verlust bei. 4. Hier stunden die Jovianer und Herkulianer. Dieses sind Namen S. 277 der, von Diokletianus und Maximianus errichteten Legionen, die diesen Namen führten. Denn der eine führte den Beinamen des Jupiter, der andere des Herkules. 5. Anfangs wurden sie durch die Stärke der Elephanten gedrängt. Viele flohen, und fielen. 6. Indem nun die Perser, nebst der Reiterei, auch die Elephanten gegen die Römer antrieben, kamen diese zu einem abhängigen Hügel, wo Troßknechte stunden. 7. Da nun diese die Gefahr mit den Soldaten theilten, und von der Höhe Wurfspieße auf die Perser warfen, so wurden einige von den Elephanten verwundet, die nun nach ihrer Gewohnheit, vor Schmerzen brüllend flohen, und die ganze Reiterei in Unordnung brachten, so daß auch auf der Flucht Elephanten von den Soldaten niedergemacht wurden, und viele in der Schlacht selbst fielen. 8. Aber es kamen auch drei Tribunen der Römer um, die tapfer gekämpft hatten, Julianus, Maximianus2 und Makrobius. Als man die Gefallenen untersuchte, fand man unter denselben auch den Leichnam des Anatolius, und beehrte ihn mit einem Grabmale, so gut es, da sie der Feind von allen Seiten drängte, die Umstände gestatteten. 9. Nun rückten die Römer wieder vier Tage fort, und wurden von dem Feinde auf allen Seiten beunruhigt, der sie verfolgte, wenn er sie auf dem Zuge sahe ― und flohe, sobald die Römer ihm entgegen rückten. Da diese izt auf ein weites Feld S. 278 kamen, so beschlossen sie, über den Tigris zu gehen. 10. Sie banden Schläuche zusammen, machten durch dieselben eine Art von Brücke3, sezten sich darauf, und fuhren über. Sobald sie sich des jenseitigen Ufers bemächtigt hatten, sezten auch die Feldherrn mit den Zurückgebliebenen ohne Furcht über.4 Noch ließen die Perser nicht nach, sondern drängten die Römer mit aller Macht auf dem ganzen Zuge so, daß diese in die äußerste Gefahr kamen, weil sie, außer den schlimmen Umständen, in denen sie sich befanden, noch dazu vom Hunger litten.
Sumera. Ammian. ↩
Maximus. Ammian. ↩
Fliegender. ↩
Gibbon läßt, nach anderen Gewährsmännern, den Uebergang nicht so glücklich von statten gehen, und scheint mehr Recht zu haben, das die Folgen beweisen. „Bauverständige ― sagt er, S. 73. ― thaten den Vorschlag, eine fliegende Brücke von aufgeblasenen Schaf-, Ochsen- und Ziegenhäuten aufzuführen, die mit Faschinen und Erde bedeckt werden sollte. Zwei wichtige Tage wurden an diese vergebliche Arbeit verschwendet, und die Verlegenheit der Römer nahm immer mehr zu.“ Auch Reitemeier bemerkt, daß Z. sich hier irrte. ↩
