12. Von Bischof Theodorus und dem Unglück des Rathar
Als darauf der König den Bischof Theodorus abermals voller Feindseligkeit zu verfolgen begann(1), wurde, da Marseille schon wieder in die Gewalt König Childeberts gekommen war, von seiten König Childeberts Rathar mit den Befugnissen eines Herzogs(2) zur Untersuchung der Sache dorthin gesandt. Aber er achtete nicht den Auftrag, den ihm der König gegeben hatte, sondern ließ den Bischof gefangen setzen, verlangte Bürgen für ihn und sandte ihn dann zu König Gunthramn, auf daß er in der Synode, die zu Macon abgehalten werden sollte, von den Bischöfen sein Urteil empfange. Doch es blieb die Rache Gottes nicht aus, der immer seine Diener dem Rachen räuberischer Hunde zu entreißen pflegt. Als nämlich der Bischof die Stadt verlassen hatte, plünderte Rathar Hab und Gut der Kirche, nahm einiges für sich, andres legte er unter Siegel(3); doch sofort als er dies getan hatte, befiel seine Diener eine schlimme Seuche, und sie starben in heftigem Fieber. Auch ein Sohn erlag dieser Krankheit, und er begrub ihn unter großer Trauer in der Vorstadt von Marseille. So schwer kam damals die Plage über sein Haus, daß man meinte, als er die Stadt verließ, er werde schwerlich wohlbehalten nach Hause zurückkehren.
Bischof Theodorus wurde von König Gunthramn fest- S. 266 gehalten, doch widerfuhr ihm kein Leid. Dieser Bischof ist ein Mann von ausgezeichneter Frömmigkeit und unermüdlich im Gebet, lind von ihm erzählte mir Bischos Magnerich von Trier(1) folgendes: „Vor einigen Jahren, als er unter so strenger Obhut zu König Childebert gebracht wurde, daß er, wenn er in eine Stadt kam, weder den Bischof noch einen von den Bürgern sehen durfte, kam er auch nach Trier, und es wurde dem Bischof der Stadt gemeldet, jener sei schon zu Schiff gebracht und solle im geheimen weitergeschafft werden. Da machte sich der Bischof tiefbetrübt sogleich auf, eilte ihm nach und fand ihn noch am Ufer. Er fragte darauf die Wache, warum man denn so grausam wäre, dem Bruder nicht einmal den Anblick des Bruders zu erlauben, und es glückte ihm endlich, zu jenem zu kommen. Da küßte er ihn, schenkte ihm einige Kleidung und ging von dannen. Als er aber darauf nach der Kirche des heiligen Maximinus kam, warf er sich an dessen Grabe zum Gebete nieder; denn er gedachte der Worte des Apostels Jacobus: „Betet füreinander, daß ihr gesund werdet(2)." Und als er lange unter Tränen gebetet, daß Gott seinem Bruder beistehen möchte, ging er hinaus. Siehe, da war ein Weib, welches der böse Geist plagte; das schrie über den Bischof und sprach: „O du in Gottlosigkeit ergrauter(3) der du für unfern Feind Theodorus zum Herrn betest! Siehe, wir mühen uns täglich ab, wie wir ihn aus diesen gallischen Landen treiben, da er uns Tag für Tag mit Feuerqualen martert, und du wirst nicht müde für ihn zu beten. Besser wäre es, du sähest fleißig nach deinem Kirchengut, daß den Armen nichts S. 267 entginge, als daß du so emsig für diesen Menschen flehtest." Und sie rief: „Weh uns, daß wir ihn nicht bezwingen können!" Und obgleich man den bösen Geistern nichts glauben soll, so wurde doch hierdurch offenbar, was das für ein großer Bischof ist, den der Satan voll Ingrimm so schmähte. Doch wir wollen zu unserer Erzählung zurückkehren.
