34. Von den Klausnern, die versucht wurden
Da aber der Fürst der Finsternis tausend Wege weiß, um uns zu schaden, will ich erzählen, was sich vor kurzem mit gottgeweihten Klausnern zugetragen hat. Der Brite Winnoch, dessen wir in einem früheren Buche gedachten(4) lebte, S. 300 als er zum Priester geweiht war, so enthaltsam, datz er sich nur in Felle kleidete, ungekochte Feldkräuter aß und den Weinkrug nur so zu Munde brachte, daß man meinte, er berühre ihn nur mit den Lippen und tränke nicht. Da aber die Freigebigkeit frommer Leute oft Krüge voll von diesem Naß darbrachte, gewöhnte er sich leider doch endlich den Trunk an und fing an sich so dem Weine zu ergeben, daß man ihn häufig berauscht sah. So geschah es, daß mit der Zeit die Trunkenheit ihn mehr und mehr beherrschte und der Teufel in ihn fahren konnte, und er wurde von der Besessenheit derart befallen, daß er ein Messer oder was er sonst nur für eine Waffe ergreifen konnte, sei es einen Stein oder einen Knüttel, nahm und toll und wild damit die Leute anfiel. Man war deshalb genötigt ihn zu fesseln und in seine Zelle ein-zusperren. In diesem verworfenen Zustande lebte er noch zwei Jahre, bis er endlich starb.
Etwas Ähnliches trug sich mit Anatolius von Bordeaux zu, einem Knaben, der, wie es hieß, erst zwölf Jahr alt war. Er war der Diener eines Kaufmanns und bat diesen um die Erlaubnis, sich als Klausner einzuschließen. Sein Herr war ihm lange entgegen, weil er meinte, es werde ihm leid werden und er würde in diesem Alter doch nicht durchführen können, was er sich vorgesetzt hätte; endlich aber vermochten es die Bitten seines Dieners über ihn und er erlaubte ihm, sein Vorhaben auszuführen. Es war aber dort eine unterirdische Kirche von alter gewölbter und kunstreicher Bauart, und in einem Winkel derselben war eine Zelle, rings von Quadersteinen eingeschlossen und so klein, daß kaum ein einzelner Mensch darin stehen konnte. In diese Zelle begab sich der Knabe und lebte hier acht Jahre oder darüber, mit wenig Speise und Trank sich begnügend, in stetem Beten und Wachen. Darauf aber überkam ihn eine gewaltige Angst, und er fing S. 301 an zu schreien, er leide innerlich schreckliche Pein. Und von den Heerscharen des Teufels, wie ich glaube, unterstützt, riß er die Quadern auf, die ihn einschlossen, stürzte so die Mauer zur Erde, rang die Hände und rief, die Heiligen Gottes peinigten ihn fürchterlich. Und da dieses Toben sehr lange bei ihm anhielt und er besonders den Namen des heiligen Martinus oft rief und behauptete, er werde von diesem mehr als von den ändern Heiligen gepeinigt, wurde er nach Tours gebracht. Und der böse Geist konnte hier, durch die Größe und Macht des Heiligen, wie ich glaube, darnieder gehalten, dem Menschen nichts anhaben. Er lebte hier ein volles Jahr, ohne daß das übel ihn heimsuchte, und kehrte dann in seine Heimat zurück, wo er aber wiederum in die Leiden verfiel, von denen er hier frei gewesen war.
