15. Diakon Vulfilaich
Auf der Reise kamen wir zu der Burg Jvois(1) ; dort empfing uns der Diakon Vulfilaich und führte uns in sein S. 269 Kloster, wo wir eine sehr liebevolle Ausnahme fanden. Es liegt dies Kloster etwa acht Meilen(1) von der obengedachten Burg auf der Spitze eines Berges. Auf diesem Berge baute Vulfilaich eine große Kirche, die er durch Reliquien des heiligen Martinus und anderer Heiligen verherrlichte. Als wir uns nun dort aushielten, baten wir ihn, uns doch einiges über seine segensreiche Erweckung zu erzählen, und wie er zum geistlichen Stande gelangt sei. Denn er war von Geburt ein Langobarde. Aber er konnte es nicht über sich gewinnen, uns dies mit-zuteilen, weil er von ganzer Seele danach trachtete, allen eitlen Ruhm zu fliehen. Doch ich beschwor ihn bei allem Heiligen und Furchtbaren und drang in ihn, er möchte mir nichts verbergen, wonach ich ihn fragte, auch gelobte ich ihm, keinem mitzuteilen, was er mir erzählte(2) Da gab er endlich meinen Bitten und Beschwörungen nach, nachdem er sich sehr lange gesträubt hatte, und erzählte mir also:
„Da ich noch ein kleiner Knabe war, hörte ich schon den Namen des heiligen Martinus, und obwohl ich noch nicht einmal wußte, ob er ein Märtyrer oder ein Bekenner sei(3), und was er Gutes in der Welt getan, und welches Land den Ruhm gewonnen habe, seine heiligen Gebeine zu empfangen, feierte ich S. 270 doch schon ihm zu Ehren Vigilien, und gab es den Armen, wenn mir etwas Geld in die Hände kam. Als ich älter wurde, legte ich mich auf die Wissenschaften und lernte schreiben, ehe ich noch die Reihenfolge der Schriftzeichen wußte. Darauf schloß ich mich dem Abte Aredius(1) an, der mich unterrichtete, und ging mit ihm zu der Kirche des heiligen Martinus. Als wir von dort zurückkehrten, nahm er ein klein wenig Staub von dem heiligen Grabe auf, daß es uns Segen bringen sollte, tat es in eine Kapsel und hing es mir um den Hals. Da wir nun zu dem Kloster des Aredius in dem Gebiet von Limoges ge-kommen waren, nahm er die Kapsel und wollte sie in seinem Betsaale aufstellen; aber der Staub war so angewachsen, daß er nicht nur die ganze Kapsel anfüllte, sondern auch zwischen ihren Spalten hervorquoll, wo er nur immer durchdringen konnte. Durch dieses glänzende Wunder entbrannte mein Geist noch mehr, alle meine Hoffnung auf die Wunderkraft dieses Heiligen zu setzen. Ich begab mich alsdann in das Gebiet der Stadt Trier, und auf dem Berge, auf dem ihr jetzt seid, baute ich mir mit eigener Hand die Wohnung, die ihr seht. Ich fand hier damals ein Bild der Diana(2) vor, das das abergläubische Volk abgöttisch verehrte. Ich errichtete mir auch eine Säule, auf der ich unter großen Schmerzen ohne alle Fußbekleidung stand. Wenn dann die Winterszeit kam, litt ich bei der eisigen Kälte dergestalt, daß mir von dem heftigen Frost öfters die Nägel an den Füßen abgingen und in meinem Bart das gefrorne Wasser wie Zapfen herunterhing." In jener Gegend soll nämlich der Winter häufig sehr strenge sein.
S. 271 Da ich ihn darauf dringend bat, mir zu sagen, was seine Speise und sein Trank gewesen sei, und wie er die Götzenbilder auf jenem Berge umgestürzt habe, sagte er: „Als Speise und Trank diente mir ein wenig Brot und Kohl und etwas Wasser. Als aber die Menge aus den benachbarten Höfen sich um mich zu sammeln begann, predigte ich unablässig, es sei nichts mit der Diana, nichts mit den Bildern, nichts mit dem Götzendienst, den sie trieben, unwürdig auch seien jene Lieder, die sie beim Weine und ihren schwelgerischen Gelagen sängen, würdig sei es allein, dem allmächtigen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, das Opfer des Dankes darzubringen. Ich betete auch zum öfteren, der Herr möchte das Götzenbild zerstören und dies Volk aus der Finsternis erretten. Es überwand endlich Gottes Barmherzigkeit ihren heidnischen Sinn, sie neigten ihr Ohr zu den Worten meines Mundes, verließen ihre Götzen und folgten dem Herrn. Da sammelte ich eine Zahl von ihnen um mich, und es gelang mir, mit ihrer Hilfe jenes gewaltige Götzenbild, das ich mit eigener Kraft nicht zer-trümmern konnte, zu stürzen. Denn die ändern Bilder, die kleiner waren, hatte ich schon selbst in Stücke gehauen. Als nun die Menge zu dem Bilde der Diana herbeikam, legten sie Stricke um dasselbe und suchten es umzureißen, aber alle ihre Anstrengung war vergeblich. Da eilte ich nach der Kirche, warf mich zur Erde und flehte unter Tränen zu der Gnade Gottes, da menschliche Macht dies Bild nicht stürzen könnte, möchte die Kraft des Himmels selbst es vernichten(1) Und als ich nach dem Gebet die Kirche verließ und zu den Arbeitern kam, da stürzte, kaum daß wir den Strick ergriffen und zum erstenmal anzogen, das Bild sofort auf die Erde. Ich ließ es sodann mit eisernen Hämmern zerschlagen und zu Staub zer- S. 272 malmen. Zu derselbigen Stunde aber, als ich fortging, um etwas zu essen, war mein ganzer Leib vom Scheitel bis zur Fußsohle so mit bösen Blattern bedeckt, daß kaum eine Stelle einen Finger breit von denselben frei war. Ich ging darauf allein in die Kirche und entkleidete mich vor dem heiligen Altäre. Denn ich hatte daselbst ein Fläschchen Ol, das ich von der Kirche des heiligen Martinus mitgebracht hatte. Damit salbte ich mir mit eigener Hand alle Glieder und verfiel alsbald in Schlaf. Um Mitternacht erwachte ich, stand auf, um mein Gebet zu verrichten, und fand meinen Körper ganz rein, als ob ich ohne alle Schwären gewesen wäre. Da erkannte ich, daß nur der Haß des bösen Feindes diese Plage über mich gebracht hatte. Und wie der Böse immerdar denen zu schaden bemüht ist, die Gott suchen, kamen alsbald die Bischöfe zu mir, die mich vielmehr hätten ermuntern sollen, mein begonnenes Werk(1) eifrig durchzuführen, und sprachen: ,Der Weg, den du einschlägst, ist nicht der rechte, auch kannst du, geringer Mann, dich nicht Symeon von Antiochien, der auf der Säule stand, vergleichen(2). Überdies läßt die Natur dieses Landes nicht zu, daß du dich derart peinigst. Steige also lieber herab und wohne bei den Brüdern, die du um dich gesammelt/ Ich folgte, da es als Verbrechen gilt, den Bischöfen nicht zu gehorchen, stieg nun herab, wandelte mit den Brüdern und nahm Speise wie sie. Eines Tages aber ließ der Bischof mich weiter hinweg auf einen Hof bescheiden und sandte indessen Arbeiter mit Hebeln(3) S. 273 Hämmern und Äxten hinaus. Die stürzten die Säule um, auf der ich zu stehen pflegte, und als ich am folgenden Tage heimkehrte, fand ich alles zerstört und weinte bitterlich. Doch ich durfte, was man vernichtet hatte, nicht wieder aufrichten, damit ich nicht den Befehlen der Bischöfe entgegen zu handeln schiene. Seitdem bescheide ich mich nun mit den Brüdern zu wohnen, wie ich jetzt wohne."
