19. Ode
Ein Becher Milch ist mir gebracht worden, und ich habe ihn getrunken in der Süßigkeit der Güte des Herrn. 2 Der Sohn S. 49 ist der Becher, und er, der gemolken wurde, der Vater; 3 und es hat ihn gemolken der heilige Geist, denn seine Brüste waren voll, und es hätte sich nicht1 geziemt, daß seine Milch achtlos verschüttet wurde. 4 Der heilige Geist hat seinen Busen geöffnet und hat die Milch der beiden Brüste des Vaters gemischt und S. 50 hat die Mischung der Welt gegeben, ohne daß sie es wußte; 5 und die, welche sie empfingen in ihrer Fülle, sind die zur Rechten, 6 Er umarmte(?)2 den Leib der Jungfrau, und sie ward schwanger und gebar, und die Jungfrau wurde Mutter mit vielen Gnaden. 7 Und sie ward schwanger und gebar einen Sohn, ohne Schmerzen zu haben, 8 und weil es nicht aus Unbedachtsamkeit geschehen war, daß3 sie keine Geburtshelferin gesucht hatte, da er sie am Leben erhielt4, gebar sie mit eigenem Willen, als wäre sie ein S. 51 Mann. 9 Und sie gebar (ihn) in Beweisung und erwarb (ihn) in großer Macht 10 und sie liebte (ihn) in Erlösung5 und behütete (ihn) in Freundlichkeit und zeigte (ihn) in Größe. Hallelujah.
(Zu Ode 19.)
[Forts. v. S. 48 ] 1―5. Da der Sohn in Ode 3, 9 und sonst interpoliert ist und da er in dem merkwürdigen, breit ausgeführten Bilde hier nur in dem kurzen und, wie es scheint, nichtssagenden Satze steht: „Der Sohn ist der Becher“, der ohne jede Störung ausgeschieden werden kann, so liegt die Annahme nahe, jener Satz sei eine Interpolation. Das Bild findet sich auch sonst in den Oden, wenn auch nicht so ausgeführt (s. Ode 4. 8. 14. 35). Allein obgleich die Personification des Geistes und das Prädicat „heilig“ für ihn auch jüdisch ist und obgleich auch im Judentum Gott „Vater“ heißt, so ist doch die runde Bezeichnung „der Vater“, „der heilige Geist“ — zumal nebeneinander gesetzt — schwerlich jüdisch. Also wird auch „der Sohn“ hier ursprünglich sein. Dann sind die Verse 1―5 christlich, und dies ist um so wahrscheinlicher, als die folgenden Verse christlich sind. Hier haben wir also eine von Anfang bis zum Ende christliche Ode, die unter die anderen eingemengt ist. Ist sie auch in ihrer ersten Hälfte mit einigen von ihnen verwandt (s. o.), so sticht sie doch, wie auch Harris gesehen hat, im ganzen von ihnen ab und zeigt, daß sie nicht Geist von ihrem Geist ist. 4. „seinen Busen“] im Syr. steht das Fem.; also auf den h. Geist bezogen; allein das ist unmöglich — der Geist zieht ja die Milch des Vaters ab; daß er seine eigene mit ihr vermischt, ist nicht anzunehmen; man muß das Mascul. einsetzen. — „Die beiden Brüste des Vaters“] Harris denkt an die beiden Testamente und wittert eine polemische Absicht des Verfassers; allein das ist wohl nicht richtig; denn unsere Ode ist älter als das Neue Testament, und wenn die beiden Testamente gemeint wären, würde der Verfasser sich wohl deutlicher ausgedrückt haben. Die „Mischung“ aus der Milch der beiden Brüste ist allerdings auffallend und der Verfasser mag sich etwas Besonderes dabei gedacht haben; aber wir wissen nicht was. Zur Sache s. Clemens, Paedagog. I, 6, 43: ἡ τροφὴ τὸ γάλα τοῦ πατρός . . . . ἐπὶ τὸν λαθικηδέα μαζὸν τοῦ πατρὸς τὸν λόγον καταφεύγομεν . . . μόνος ἡμῖν τοῖς νηπίοις τὸ γάλα τῆς ἀγάπης χορηγεῖ, καὶ οὗτοι ὡς ἀληθῶς μακάριοι μόνοι, ὃσοι τοῦτον θηλάζουσι τὸν μαστόν, vgl. auch das Folgende, 45: τῷ οὖν γάλακτι, τῇ κυριακῇ τροφῇ, εὐθὺς μὲν ἀποκυηθέντες τιθηνούμεθα . . . τοῖς ζητοῦσιν νηπίοις τὸν λόγον αἱ πατρικαὶ τῆς φιλανθρωπίας θηλαὶ χορηγοὺσι τὸ γάλα. Weder hier noch in den Parallelstellen in den Oden ist ein „Milch-Ritus“, auf den angespielt wäre, anzunehmen (Harris hält das für möglich), sondern es handelt sich lediglich um ein Bild. 5. Man kann Matth. 25, 33 in bezug auf die „Rechte“ vergleichen. 6. Die zweite Hälfte der Ode, die hier beginnt, hat mit der ersten höchstens einen losen Zusammenhang, das Ganze ist also eine Compilation, s. den Hymnus am Schluß. Sie ist auch christlich; denn es ist in hohem Grade unwahrscheinlich, daß bereits in der messianischen Dogmatik des Judentums die Entstehung und Geburt des Messias so ausgebildet war; absolut unmöglich ist es freilich nicht. — „er umarmte“] der Geist, der also hier männlich erscheint, wie Luk. 1. Welches griechische Verbum hier gestanden hat, ist ungewiß; Lactantius hat die Stelle so citiert: „Infirmatus est uterus virginis et accepit fetum, et gravata est et facta est in multa miseratione mater virgo“. Harris vermutet, daß das griechische Wort ἐνεκολπίσθη war. — „mit vielen Gnaden“] s. Luk. 1, 30: εὗρες χάριν παρὰ τῷ θεῷ. 7. „ohne Schmerzen zu haben“] Dieser Zug tritt in der älteren apokryphen Literatur zurück, doch s. Acta Petri c. Sim. 24: „neque vocem illius audivimus neque obstetrix subit.“ S. Walter Bauer, Das Leben Jesu im Zeitalter der NTlichen Apokr. (1909) S. 67 ff. Das gebärende Weib in Apok. Joh. 12, 2 schreit und hat Qual. 8. Die Stilisierung ist dunkel, klar aber der Sinn (unrichtig wohl Harris: „and because she was not sufficiently“ prepared [perhaps: „and because there was not (pain) she was sufficient“], and she had not sought a midwife — for He brought her to bear — she brought forth, as if she were a man etc.“). Der Verfasser ist also der Meinung, eine Hebamme sei ohne Schuld der Maria nicht anwesend gewesen, s. Protevang. Jacobi 19. 20. Seltsam ist der Schlußgedanke des Verses ausgedrückt; gemeint ist wohl, daß der Geburtsact sich bei ihr so selbständig vollzog, wie der Zeugungsact beim Manne. — Diese Vorstellungen vom Geburtsact Christ waren bereits im Anfang des 2. Jahrhunderts, und vielleicht schon früher vorhanden. 9. Hier haben wir einen kleinen fünfgliedrigen Hymnus in der Ode zu erkennen, der in der Form an I Tim. 3, 16 erinnert. — „in Beweisung“] d. h. offenkundig. — „in Erlösung“] ist nicht möglich; aber welches Wort hat dafür gestanden? — Harris will auch in der zweiten Hälfte der Ode polemische Absichten erkennen; allein sicher sind solche keineswegs.
Harris übersetzt: „es war nötig für ihn, daß seine Milch genügend abgelassen wurde“, indem er א ܐ in לה ܠܗ ändert und ספיקאית ܣܦܝܩܐܝܬmit ספקאית ܣܳܦܩܐܝܬ verwechselt. ↩
Harris: „öffnete“, woher diese Übersetzung? Das syr. Lexikon gibt für das Verb גפ ܓܦ keine hier verwendbare Bedeutung an, im Targum bed. das Piel גפם „umarmen“. ↩
Hs. ולא ܘܠܐ vielleicht besser: דלא ܕܠܐ zu lesen. ↩
vielleicht geradezu: „da er ihr als Geburtshelfer beistand“, denominativ von חיתא ܚܝܬܐ „Geburtshelferin“. ↩
Harris empfiehlt für בורבטא פורקנא ܒܘܪܒܬܐ : ܦܘܪܩܢܐ „Windeln“ zu lesen; aber das ist durch die parallelen Ausdrücke ausgeschlossen. ↩
