6. Ode
[Forts. v. S. 31 ] Wie die Hand über die Zither gleitet, und die Saiten ertönen1, 2 so redet in meinen Gliedern der Geist des Herrn, und ich rede durch seine Liebe; 3 denn sie tilgt, was fremd ist, und alles gehört dem Herrn.2 4 Denn also war es vom Anfang an S. 32 und (wird sein) bis zum Ende, daß nichts (ihm) widerstreben und nichts gegen ihn sich erheben wird. 5 Der Herr hat die Kenntnis seiner selbst vermehrt und er ist eifrig bemüht, daß das gekannt wird, was durch seine Güte uns geschenkt worden ist; und seinen Lobgesang gab er uns für seinen Namen. 6 Unsere Geister preisen seinen heiligen Geist. 7 Denn ausgegangen ist ein Bach und ist zu einem großen und breiten Strome geworden, 8 denn er hat alles überschwemmt und niedergerissen und zum Tempel gebracht; 9 und die Hindernisse der Menschen vermochten ihn nicht zu hemmen, auch nicht die Künste derer, die die Wasser dämmen, 10 denn er ist über die Oberfläche der ganzen Erde gekommen und hat alles angefüllt, und alle Durstigen auf Erden haben getrunken; 11 und der Durst ward gestillt3 und gelöscht, denn vom Höchsten ist der Trank gegeben. 12 Selig sind also die Diener dieses Trankes, denen sein Wasser anvertraut worden ist4, 13 sie haben die trockenen Lippen erquickt und den Willen, der kraftlos geworden war,5, wieder aufgerichtet; 14 und die S. 33 Seelen, die nahe daran waren, abzuscheiden, haben sie vom Tode zurückgehalten; 15 und die Glieder, die gefallen waren, haben sie (auf)gerichtet und aufrechtgestellt, 16 sie haben Kraft gegeben ihrer Schwachheit6 und Licht ihren Augen. 17 Denn ein jeder hat sie erkannt in dem Herrn, und sie sind durch das lebendige Wasser, das ewig (währt), errettet worden. Hallelujah.
(Zu Ode 6.)
[Forts. v. S. 31 ] 1 f. So ist die Inspiration durch den Geist in der jüdischen und altchristlichen Literatur öfters geschildert worden, s. die Apologeten und den Ausspruch Montans (Epiph., haer. 48, 4: ἰδού, ὁ ἄνθρωπος ὡσεὶ λύρα, κἀγὼ ἐφίπταμαι ὡσεὶ πλῆκτρον). 6. „seinen heiligen Geist“] braucht nicht christlich zu sein, s. Ps. 51, 13; Jes. 63, 10. 11 (auch Ps. 143, 10). Von v. 7 an bis zum Schluß bietet auch die Pistis Sophia (s. o. S. 5. 16 f. 21) die Verse, auf die die Einleitung (v. 1―6) vorbereitet. 7. Das Wort ἀπόρροια (S „Bach“) ist in K erhalten, vgl. Sap. Sal. 7, 25 (von der Weisheit): ἀπόρροια τῆς τοῦ παντοκράτορος δόξης. Die großartige Schilderung, die nun folgt, ist nicht „gnostisch“, sondern — nachdem das Thema in v. 4 f. angeschlagen war — , soll die kraftvolle Verbreitung der Gotteserkenntnis über die ganze Erde und ihre Unaufhaltsamkeit dargestellt werden. An die Taufe ist nicht zu denken; auch nichts „Mythologisches“ liegt hier vor. Vgl. Henoch 39, 5; 48, 1; 49, 1; anders Apoc. Baruch 36ff. und Sap. Sal. 5, 22. 8. „und zum Tempel gebracht“] Damit ist das Judentum des Verfassers erwiesen: alle Gotteserkenntnis kommt dadurch zu ihrem Ziele, daß die Menschen zum Tempel kommen. K und S differieren hier nicht, wenn man die LA in K bevorzugt, die sich im Targum (s. o. S. 16) findet. 12. Die Diener des Tranks sind die Lehrer, die zugleich missionieren. Die Variante in K „das Wasser des Herrn“ ist ohne Belang. 13b. K bietet dafür: „Herzensfreude haben empfangen die Entkräfteten“. 14. K bietet: „sie haben Seelen erfaßt, indem sie den Hauch schickten, damit sie nicht stürben“. Das ist schwerlich das Richtige; denn v. 13 legt es nahe, daß S im Rechte ist. Man erwartet keine Angabe darüber, wie die Seelen vor dem Tode bewahrt worden sind, wohl aber, daß sie nahe am Tode waren. Im Griechischen hat wohl ἀποπνέω gestanden und K las ἀποπέμπω und ergänzte dies. 15. „(auf)gerichtet und aufrecht gestellt“] im Original wird (nach K) hier nur ein Verbum gestanden haben; die Syrer haben öfters ein Verbum durch zwei wiedergegeben. 16. Der Text ist in K und S verdorben; vielleicht παράλυσις.
17. „sie“, nämlich die Lehrer — so scheint es wenigstens; dann ist in 17 b ein Subjectswechsel anzunehmen. Besser K: „denn sie alle haben sich in dem Herrn erkannt“, obgleich auch das etwas dunkel ist. Zu dieser Ode mag man Ps. 51, 10; 97, 11; Jes. 12, 3; Sap. Sal. 11, 4; Apoc. Joh. 21, 6; 22, 17 vergleichen. Von dieser Ode sind in K die Originalworte ἀπορροια, οὐδε, τεχναι, μακαριοι, διακονοι, ψυχας, μελη, παρρησια erhalten. Von diesen ist διάκονοι nicht unwichtig (διάκονοι τοῦ λόγου).
wörtl. „reden“. ↩
Harris hat dieLesart d. Hs. דמריא ܕܡܪ ܝܐin דמרירא ܕܡܪܝܪܐ geändert und übersetzt: „er tilgt was fremd ist und alles, was bitter ist“. ↩
wörtl. „gelöst“. ↩
wörtl. „die mit seinem Wasser betraut worden sind“. ↩
wörtl. „der aufgelöst war“. ↩
im Text: „ihrem Kommen“, der Syrer las also παρουσίᾳ αὐτῶν; der Kopte hat παῤῥησία; Harris vermutet παράλυσις, oder πάρεσις. ↩
