7. Ode
[Forts. v. S. 33 ] Wie der (Sturm)lauf des Zornes gegen die Ungerechtigkeit, so ist der (stürmische) Lauf der Freude zu dem Geliebten hin, und er bringt ein von ihren Früchten ohne Hindernis. 2 Meine Freude ist der Herr, und mein Lauf ist zu ihm hin; das ist mein schöner Weg, 3 denn er ist mir ein Helfer zum Herrn. 4 Er hat sich selbst mir bekannt gemacht ohne Neid in seiner Einfalt, denn seine Güte hatte seine Größe klein erscheinen S. 34 lassen1. 5 Er ist wie ich geworden, damit ich ihn empfangen sollte, 6 er wurde mir völlig gleich geachtet, damit ich ihn anziehen sollte; 7 und ich bebte nicht, als ich ihn sah, denn er ist mein Erbarmer2. 8 Wie mein Wesen wurde er, damit ich ihn begreifen3, und wie meine Gestalt, damit ich mich nicht von ihm wenden sollte. 9 Der Vater der Erkenntnis ist das Wort der Erkenntnis. 10 Er, der die Weisheit geschaffen hat, ist weiser als seine Knechte, 11 und er, der mich geschaffen hat, wusste, ehe ich war, was ich tun würde, wenn ich in das Dasein träte. 12 Denn darum hat er sich meiner erbarmt in seiner großen Barmherzigkeit und hat mir gewährt, daß ich ihn bitten soll und empfangen von seinem Opfer;413 denn er ist unvergänglich, die S. 35 Fülle der Welten und ihr Vater. 14 Er hat ihm gegeben, denen zu erscheinen, die sein eigen sind, 15 daß sie den kennen lernen möchten, der sie gemacht hat, und nicht meinen, daß sie von selbst geworden seien. 16 Denn er hat festgesetzt seinen Weg zur Weisheit, er hat ihn breit und lang gemacht und zu aller Vollendung geführt, 17 und er hat die Spuren seines Lichtes darüber gesetzt, und ich bin (ihn) vom Anfang bis zum Ende gegangen. 18 Denn es ist von ihm gemacht, und er hat seine Freude am Sohn und um seiner Erlösung willen wird er alles erhalten. 19 Und der Höchste wird bekannt sein unter seinen Heiligen, denen die frohe Botschaft zu bringen, welche Lobgesänge haben auf die Ankunft des Herrn, 20 daß sie ihm entgegengehen und ihm lobsingen mit Freude und auf der vielstimmigen Zither. 21 Es sollen vor ihm hergehen die Seher und sollen vor ihm sich zeigen 22 und sollen preisen den Höchsten in seiner Liebe, denn er ist nahe und sieht. 23 Und der Haß wird weggenommen werden von der Erde und wird mit dem Neid zusammen S. 36 versenkt werden; 24 denn die Unkenntnis ist vertilgt, weil die Erkenntnis des Herrn gekommen ist. 25 Es sollen lobsingen diejenigen, welche die Güte des Herrn, des Höchsten, besingen, 26 und sie sollen ihre Loblieder darbringen, und wie der Tag soll ihr Herz sein, und wie die Herrlichkeit des Herrn ihre (lieblichen) Stimmen, 27 und nicht soll es irgend eine Seele geben, weder ohne Erkenntnis noch stumm; 28 denn er hat seinen Geschöpfen den Mund gegeben, um die Stimme des Mundes zu öffnen nach ihm hin zum Preise. 29 Verkündet seine Macht und zeiget seine Güte. Hallelujah.
(Zu Ode 7.)
[Forts. v. S. 33 ] 1. Ein prächtiges Bild eröffnet diese Ode. — „Von ihren Früchten“ ist auffallend (man muß es auf „Freude“ beziehen). 3. Wenn der Text in Ordnung ist, müßte der Weg der Helfer sein; der „Weg“ wäre dann = „die Lehre“, wie so oft. Harris übersetzt in Abweichung von dem überlieferten Text: „for I have a helper, the Lord“. 4. Auch Testam. Isaschar 8 wird ἁπλότης von Gott gebraucht. — „ohne Neid“] so auch 3, 7; 11, 6; 15, 6; 17, 12; 23, 4: ἀφθόνως. 5―8. Diese Verse mit 4 b stellen Gott als den Menschgewordenen dar; also sind sie christlich; allein sie lassen sich leicht ausscheiden, wenn auch nicht mit solcher Sicherheit wie 3, 9. Nach ihrer Ausscheidung schließt v. 9 an v. 4 a sich enge an. Hier heißt es: „er hat sich selbst mir bekannt gemacht“; nun wird in v. 9 fortgefahren — allerdings im Ausdruck etwas dunkel — , daß der Vater, der Erkenntnis schafft, dies durch das Wort tut. Die zwischen liegenden Verse geben eine naive modalistische Christologie wieder (anders als Phil. 2); der Gedanke, daß Gott so klein wurde, damit wir ihn ganz aufnehmen könnten, ist von den Kirchenvätern öfters — auch schon lange vor Athanasius — ausgesprochen worden. Harris vergleicht Lactant., de div. inst. IV, 26: „is, qui humilis advenerat, ut humilibus et infimis opem ferret et omnibus spem salutis ostenderet, eo genere afficiendus fuit, quo humiles et infimi solent, ne quis esset omnino, qui eum non posset imitari“. 10. „Die Weisheit geschaffen hat“] s. die jüdische Weisheits-Literatur. 11. S. Ps. 139. 12. Da „Opfer“ ganz sinnlos, hat die Conjectur Nestles (οὐσία), die graphisch in der Majuskel so leicht ist, viel für sich, s. Ode 3, 8. 10. 13. „Die Fülle der Welten“] vielleicht = τὸ πλήρωμα τῶν κόσμων, s. Ephes. 1, 23; 3, 19; Kol. 1, 19; 2, 9. Zu κόσμοι s. Ode 12, 4 ff. I. Clem. 20, 8: ὠκεανὸς ἀπέραντος ἀνθρώποις καὶ οἱ μετ’ αὐτὸν κόσμοι. Aber wahrscheinlich hat im Original αἰῶνες gestanden. 14. 15. Diese Verse sind wiederum eine Interpolation; denn v. 16 führt den Hauptgedanken fort (die „Weisheit“ s. v. 10) und der Satz: „Er hat ihm, d. h. dem Sohne, gegeben, denen zu erscheinen, die sein eigen sind“, ist ganz abrupt, s. zu diesem johanneisch gefärbten Satze Joh. 1, 11; 10, 3. 4. 12; 13, 1; zu v. 15 s. Psalm 100, 3. 16 f. Das ist sicher jüdisch, s. die Weisheitslehren im A. T.; nach dem Evangelium ist der Weg schmal. Auch das Bekenntnis des Sängers, er sei den Weg bis zu Ende gegangen, zeigt jüdisches und nicht christliches Bewußtsein. Zu den Spuren des Lichts s. Ode 10, 7. 18. Das ist die dritte christliche Interpolation, die noch störender ist als die beiden früheren. Die Worte: „denn es ist von ihm gemacht“, sind übrigens vielleicht nicht richtig überliefert. Die folgenden Verse, die ursprünglich sind, zeigen, daß von einem Kommen des Sohnes gar nicht die Rede ist, sondern von der Ankunft Gottes selbst, und er selbst bringt (v. 19) die frohe Botschaft (εὐαγγελία). Der Annahme einer Interpolation kann man nur entgehen, wenn der Sänger unter dem Sohn sich selbst meint; aber das ist unmöglich. 19. unter seinen Heiligen] s. Ode 9, 6 etc. In den ATlichen Apokryphen häufig, im A. T. selbst selten. 21. Die Seher] wohl = die Propheten. Harris schreibt: „the combination of seërs and singers is peculiar and belongs to a very early period in the Church History“. Allein diese Combination ist nicht christlich, sondern jüdisch. Was Harris mit der Verweisung auf Luc. 2, 25 meint, verstehe ich nicht. 22―29.] Zahlreiche Parallelen in den Psalmen.
Die Stelle ist dunkel, aber soviel ist sicher, daß die Übersetzung von Harris: „die Größe seiner Güte hat mich erniedrigt“, nicht möglich ist, denn die beiden Substantive stehen nicht im Genitivverhältnis zu einander, und אזלרתי ܐܙܠܪܬܝ ist nicht אזלרתני ܐܙܠܪܬܢܝ Ich kann das ܝ[Jōḏ] nur als überflüssig tilgen. ↩
wörtl. „mein Erbarmen“, vielleicht ist aber besser (ד)חנני (ܕ)ܚܢܢܝ „der sich meiner erbarmt hat“ zu lesen. ↩
wörtl. „lernen.“ ↩
Nestle vermutet οὐσία statt θυσία. ↩
