12. Weiterer Beweis für das Eins-sein, auf Grund der „Ehre”.
Aber nur dem Vater und dem Sohn kommt die Einheit auf Grund ihres Wesens zu, weil Gott, der aus Gott, und der Eingeborene, der aus dem Ungewordenen stammt, einzig nur in dem Wesen seines Ursprunges sein Bestehen haben kann; so zwar, daß der Geborene in der Seins-art der Geburt sein Dasein habe, und auch der Geborene keine andere und verschiedene Tatsächlichkeit der Gottheit habe als die, aus der er hervorgegangen ist. Für unseren Glauben hat der Herr nichts Zweifelhaftes gelassen, und das Wesen dieser vollgültigen Einheit hat er mit seiner ganzen nachfolgenden Rede gelehrt.
Dies folgt nämlich: „daß auch die Welt glaube, daß du mich gesandt hast”.1 Deswegen also wird die Welt an die Sendung des Sohnes vom Vater her glauben, weil alle im Vater und Sohn eins sind, die an ihn glauben S. 20 werden. Und wie sie es sein werden, darüber werden wir bald belehrt: „Und ich habe die Ehre,2 die du mir gegeben hast, ihnen gegeben.”3 Jetzt frage ich, ob das Ehre sei, was der Wille ist, da doch der Wille geistige Bewegung ist, die Ehre des Wesens dagegen glänzende Erscheinung oder hohe Würde. Die Ehre also, die der Sohn vom Vater empfangen hatte, durchaus nicht den Willen, hat er allen gegeben, die an ihn glauben werden. Denn wenn der Wille uns gegeben wäre, dann würde der Glaube keinen Lohn haben, da die Notwendigkeit des uns angehefteten Willens den Glauben in uns hineintragen würde. Woraufhin aber das Geschenk der empfangenen Ehre abziele, das hat er gezeigt: „damit sie eins seien, wie wir eins sind.” Aus dem Grunde also hat er die überkommene Ehre weitergegeben, damit alle eins seien.
Es stehen also alle tatsächlich in der gleichen Ehrenstellung, da genau diejenige Ehre weitergegeben wurde, die überkommen war; und zu keinem anderen Zweck wurde sie weitergegeben, als daß alle eins seien. Da durch die Ehre, die dem Sohn gegeben und vom Sohn den Gläubigen gewährt wurde, alle eins sind: so frage ich, wie dem Sohn eine andere Ehre zukommen könne als dem Vater, da doch die Ehre des Sohnes alle Gläubigen zur Einheit der väterlichen Ehre emporhebt.
Zwar wird dieses Sprechen der menschlichen Hoffnung vielleicht kühn sein, keinesfalls aber ungläubig. Denn auf jeden Fall ist es ungläubig, dasjenige nicht geglaubt zu haben, was zu erhoffen überheblich wäre, da einer und derselbe uns Urheber der Hoffnung und des Glaubens ist.
Doch darüber wollen wir breiter und ausführlicher an angemessener Stelle4 handeln. Dennoch erkennt man schon vorläufig, aus der gegenwärtigen Darlegung, daß diese unsere Hoffnung weder nutzlos noch überheblich ist. Durch die angenommene und weitergegebene Ehre S. 21 sind also alle eins. Den Glauben halte ich fest, und den Grund für die Einheit nehme ich an; aber ich erfasse noch nicht die Art und Weise, wie die gewährte Ehre alle zur Einheit vollenden könne.
