6. Von dem Archidiakon Leunast von Bourges
In dem schon erwähnten Jahre, in demselben nämlich, in welchem nach Sigiberts Tode sein Sohn Childebert die Herrschaft übernahm, geschahen viele Zeichen am Grabe des heiligen Martinus, welche ich in den Büchern1 erzählt habe, die ich über seine Wundertaten zu schreiben unternahm. Und wie schmucklos auch meine Rede, doch wollte ich nicht verbergen, was ich entweder selbst sah oder von glaubwürdigen Leuten in Erfahrung brachte. Hier will ich nur davon sprechen, wie es den Unbedachtsamen erging, die erst den himmlischen Beistand suchten und dann sich noch nach irdischen Heilmitteln umsahen; denn wie in der Heilung der Krankheiten, so zeigt sich die Macht des Heiligen auch in der Züchtigung der Toren. Leunast, Archidiakon von Bourges, verlor durch den grauen S. 17 Star das Augenlicht. Und obwohl er viele Ärzte um Rat fragte, konnte er doch durchaus das Gesicht nicht wiedererlangen. Da kam er zur Kirche des heiligen Martinus und hielt sich zwei bis drei Monate hier unter beständigem Fasten und Gebet auf, daß er sein Augenlicht wieder erhielte. Und als das Fest des Heiligen erschienen war, wurden seine Augen hell, und er fing wieder an zu sehen. Ms er aber wieder heimkehrte, rief er einen Juden(1) und setzte sich Schröpfköpfe auf die Schulter, denn so hoffte er die Kraft seiner Augen noch zu vermehren. Als ihm das Blut abgezogen wurde, verfiel er jedoch wieder in die alte Krankheit. Darauf kehrte er abermals zur Kirche des heiligen Martinus zurück und verweilte wiederum lange Zeit daselbst, aber sein Augenlicht konnte er nicht wiedergewinnen. Um seiner Sünde willen, meine ich, wurde es ihm nicht wiedergegeben nach jenem Ausspruch des Herrn: „Wer da hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle habe, wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen, das er hat(2)." Und nach jenem ändern: „Siehe zu, du bist gesund geworden, sündige hinfort nicht mehr, daß dir nicht etwas Ärgeres widerfahre(3)." Denn er wäre gesund geblieben, wenn er nicht nach Gottes Wundertat noch den Juden gerufen hätte. Die solches tun, mahnt ja und züchtigt der Apostel, indem er spricht: „Ziehet nicht am fremden Joch mit den Ungläubigen. Denn was hat die Gerechtigkeit für Gewinst mit der Ungerechtigkeit? Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis? Wie stimmet Christus mit Belial? Oder was für ein Teil hat der Gläubige mit dem Ungläubigen? Was hat der Tempel Gottes für eine Gleiche mit den Götzen? Ihr aber seid der Tempel des leben- S. 18 digen Gottes. Darum gehet aus von ihnen und sondert euch ab, spricht der Herr2." Hieran lerne ein jeglicher Christ, daß er, wenn er Hilfe und Beistand vom Himmel zu erhalten gewürdigt wird, sich nicht mehr nach irdischen Künsten umtun muß.
