32. Kirchenschändung
Zu Paris geriet damals ein Weib in schlimmen Verdacht. Man sagte ihr nämlich nach, sie habe ihren Mann verlassen und mit einem ändern Buhlschaft getrieben. Daher kamen die Verwandten des Mannes zu ihrem Vater und sprachen: „Entweder beweise, daß deine Tochter unschuldig ist, oder sie muß sterben, auf daß nicht ihr Ehebruch Schande bringe über unser Geschlecht." „Ich weiß," sprach der Vater darauf, „daß meine Tochter ganz unschuldig ist, und es ist kein Wort wahr von dieser Behauptung, die schlechte Menschen ausstreuen. Und doch will ich, daß diese Beschuldigung nicht wieder auftauche, ihre Unschuld durch einen Eid erhärten." Da sagten sie: „Wenn sie schuldlos ist, so bekräftige dies durch einen Eid beim Grabe des heiligen Märtyrers Dionysius." „Das werde ich tun", sagte der Vater. So einigten sie sich und kamen bei der Kirche des heiligen S. 64 Märtyrers zusammen; der Vater legte seine Hände auf den Altar und schwor, daß seine Tochter ohne Schuld sei. Die ändern dagegen von der Partei des Mannes schrien, er habe einen Meineid geschworen. So stritten sie erst mit Worten, dann stürzten sie mit bloßem Schwert aufeinander los, und bis vor den Altar erschlugen sie einander. Sie waren aber von geachtetem Geschlecht und angesehen bei König Chilperich. Viele wurden mit dem Schwerte verwundet, die heilige Kirche mit Blut bespritzt, die Türen von Speeren und Schwertern durchbohrt und bis zum Grabe selbst drangen die greulichen Mordwaffen. Nur mit Mühe wurde ihre Wut gestillt. Der Ort blieb für den Gottesdienst geschlossen, bis alles Mr Kenntnis des Königs käme. Sie beeilten sich selbst, sich dem König vorzustellen, aber sie wurden nicht zu Gnaden angenommen; vielmehr wurden sie an den Bischof der Stadt verwiesen, damit sie, wenn sich etwa ihre Schuldlosigkeit Herausstellen sollte, auf geziemende Weise wieder in die Kirchengemeinschaft ausgenommen würden. Darauf wurden sie vom Bischof Ragnemod, der der Kirche von Paris Vorstand, wieder in die kirchliche Gemeinschaft ausgenommen, nachdem sie ihr Vergehen gesühnt hatten. Das Weib aber machte einige Tage darauf, als sie vor Gericht beschieden wurde, mit dem Stricke ihrem Leben ein Ende.
