34. Von der Ruhr und dem Tode von Chilperichs Söhnen
Auf diese Vorzeichen folgte eine fürchterliche Seuche. Denn als die Könige schon wieder haderten und sich abermals zum Bruderkriege rüsteten, breitete sich eine ansteckende Ruhr fast durch alle gallischen Länder aus1. Es hatten aber, die daran litten, unter Erbrechen heftiges Fieber und einen gewaltigen Nierenschmerz, auch Kopf und Genick war ihnen schwer, und der Auswurf war von gelber oder grüner Farbe. Die gemeinen Leute nannten die Krankheit innere Blattern2 und dies ist nicht ganz ungereimt, denn 'wenn an den Schultern oder Schenkeln Schröpfköpfe gesetzt wurden, kamen Blasen heraus und brachen auf, und durch das Auslaufen des Eiters wurden viele geheilt. Aber auch Kräuter, die man sonst gegen Vergiftungen braucht, halfen, als Trank eingegeben, sehr vielen. Und zuerst befiel diese Krankheit, die im Monat August ausbrach, die Kinder und raffte sie fort. Wir verloren die süßen, teuren Kleinen, die wir auf unserm Schoß gehegt, in unfern Armen gewiegt, denen wir mit eigner Hand Speise gereicht und sie mit ängstlicher Sorge genährt hatten, aber wir trockneten unsere Tränen und sprachen mit dem heiligen Hiob: „Der Herr S. 67 hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt3."
In diesen Tagen erkrankte auch König Chilperich bedenklich, und als er wieder genas, fing sein jüngster Sohn an zu erkranken, der noch nicht aus dem Wasser und dem heiligen Geist wiedergeboren war. Und als sie sahen, daß er in den letzten Zügen lag, ließen sie ihn durch das Bad der Taufe reinwaschen von der Sünde. Da es sich aber ein wenig mit ihm besserte, wurde sein älterer Bruder, mit Namen Chlodobert4, von dieser Krankheit ergriffen. Fredegunde, seine Mutter, sah ihn in der Todesnot liegen; da ergriff ihr Herz späte Reue, und sie sprach zum Könige: „Lange schon sündigen wir, und die göttliche Liebe erhält uns doch. Oft hat sie uns schon durch Krankheit und andere Leiden gezüchtigt, und keine Besserung ist erfolgt! Siehe, nun verlieren wir unsere Kinder, siehe, nun bringen sie die Tränen der Armen, die Klagen der Witwen und die Seufzer der Waisen in das Grab, und uns bleibt keine Zukunftshoffnung, für die wir sammeln. Wir häufen Schätze auf und wissen nicht, für wen wir sammeln. Siehe, unsere Schätze, an denen der Fluch des Raubes haftet, bleiben dereinst zurück und haben keinen Besitzer. Waren denn unsre Keller nicht voll Wein? Waren nicht unsre Scheuern reich an Getreide? Unsre Schatzkammern nicht gefüllt mit Gold, Silber, edlen Steinen, Geschmeide und allem Prunk eines Kaiserhofes5? Und siehe, nun verlieren wir das Köstlichste, was wir besaßen. Komm also jetzt, wenn du willst, und laß uns diese ungerechten Steuerrollen verbrennen. Unserm Kronschatze genüge, was unserm Vater und König Chlothar genug war." So sprach die Königin und schlug mit den Händen S. 68 an ihre Brust, befahl die Steuerrollen zu bringen, welche durch den Kanzler Marcus über ihre Städte beschafft waren, und warf sie in das Feuer. Dann wandte sie sich wiederum zum Könige und sprach: „Was zögerst du noch! Tue, was du mich tun siehst, auf daß wir, wenn wir unsere süßen Kleinen verlieren, doch der ewigen Strafe entgehen." Da wurde der König in seinem Herzen gerührt und warf alle Steuerrollen in die Flammen. Und als sie verbrannt waren, schickte er Leute ab, die den Besteuerungen für die Zukunft Einhalt tun sollten. Hierauf verschied das jüngste Kind an großer Entkräftung6 Unter großem Wehklagen aber brachten sie es von dem Königshofe Berny nach Paris und ließen es in der Kirche des heiligen Dionysius begraben. Chlodobert aber legten sie auf eine Tragbahre, brachten ihn nach Soissons in die Kirche des heiligen Medard, setzten ihn am Grabe des Heiligen nieder und taten Gelübde für seine Genesung. Aber um Mitternacht wurde er schwach und sein Atem knapp, und er verschied. Sie begruben ihn in der Kirche der Helligen Märtyrer Crispinus und Crispinianus, und es war ein großes Wehklagen unter allem Volk; denn nicht nur die Männer folgten betrübt dem Leichenzuge, sondern auch die Weiber, in Trauergewänder gehüllt, wie sie solche sonst nur bei der Beerdigung ihrer Männer zu tragen pflegen. König Chilperich machte hernach noch große Geschenke an die Hauptund die ändern Kirchen und bedachte reichlich die Armen.
Dieser Epidemie wird noch gedacht unten Kap. 3S. 41. und B. VI. Kap. 14. ↩
Itusbieiorvs vero eoralis troo pusoolas nominavaut. Trotz der Bedenken Bonnets (194 Anm. 10) habe ich die Übersetzung Giesebrechts unverändert gelassen. Krusch (83. Ler. Llvr. I. 93S) denkt an oorallis. das sonst sicher nur bei Pliniu-37, 153 belegt ist; dann könnte man „Karbunkel" übersetzen. Aber dazu paßt daFolgende nicht, sodann ist zweifelhaft, ob man koo — vss setzen dürfte (die Beispiele für Inkongruenz beim Numerus, die Bonnet 4V7 ff. für Gregor zusammenstellt, sind alle anderer Art), und Bonnet 194 Anm. 10 wird wohl recht behalten, wenn er oorrUis für ein Adjektiv hält. Ob es, wie ältere Erklärer wollten, zu vcvur zu ziehen ist (vgl. Ducange s. v. oornllum), steht ganz dahin. ↩
Hiob 1, 21. ↩
(Lhlodobert war nach FortunatuS (vgl. Anm. 1 auf S. 68) iS Jahre alt. ↩
Vgl. ähnliche Wendungen oben S. 3 ↩
Die Grabschrift dieses Kinde-, daDagobert hieß, und die seines älteren Bruders Chlodobert finden sich bei FortunatuS, von dem auch zwei Trostgedichte an die Eltern erhalten sind. B. IX. 1—5. Uber den Tod dieser Kinder, der im Sommer 580 erfolgte, vergleiche auch daletzte Kapitel dieses Buches. ↩
