6. Von Verführern und falschen Propheten
In jenem Jahre trat in der Stadt Tours ein Mann mit Namen Desiderius auf, welcher vorgab, er sei etwas Großes1 und behauptete, er könne viele Wunder tun. Auch rühmte er sich, es liefen Boten zwischen ihm und den Aposteln Petrus und Paulus hin und her. Da ich nicht in der Stadt war, strömte viel gemeines Volk ihm zu und brachte Blinde und Kranke mit; die suchte er nicht sowohl durch frommes Gottvertrauen zu heilen, als S. 6 Vielmehr durch den Trug der schwarzen Kunst2 zu täuschen. Die Lahmen oder die sonst gebrechlich waren, ließ er mit Gewalt ausrecken, gleich als ob er die, welche er durch die Gabe göttlicher Wunderkraft nicht gerade machen, durch seine eigene Macht Herstellen könnte. Es ergriffen nämlich die einen seiner Diener die Hände der Leute, andere die Füße und zogen nach entgegengesetzten Seiten, daß man meinen konnte, die Sehnen zerrissen, und wenn sie dann nicht geheilt waren, ließ man sie halbtot gehen. So kam es, daß viele in diesen Martern den Geist aushauchten. Und so frech war der Elende, daß er behauptete, der heilige Martinus sei weniger denn er, und sich den Aposteln an die Seite stellte. Und was Wunder, wenn er sich den Aposteln gleich achtete, da ja der Urheber aller Bosheit, von dem alle solche Dinge ihren Ursprung haben, sich am Ende der Tage für Christus ausgeben wird. Es wurde aber dadurch klar, daß er, wie wir oben gesagt haben, der schwarzen Kunst verfallen war, daß er, wie die versichern, die ihn sahen, wenn einer auch in weiter Ferne und im geheimen schlecht über ihn gesprochen hatte, es ihm sofort vor der Menge vorhielt und sprach: „Dies und jenes hast du von mir geredet, was meine Heiligkeit verunglimpft." Denn wie anders hätte er dies erfahren können, wenn es ihm die bösen Geister nicht verraten hätten? Er trug eine Kapuze und einen Rock von Ziegenhaaren, und vor den Augen der Menschen war er enthaltsam in Speise und Trank, im geheimen aber, wenn er in die Herberge kam, stopfte er sich so voll, daß der Auswärter ihm nicht so viel bringen konnte, als er verlangte. Als jedoch seine Betrügerei entdeckt und von den Unsrigen an den Tag S. 7 gebracht war, wurde er aus dem Stadtgebiete verwiesen. Wir haben auch in der Folge nicht in Erfahrung gebracht, wohin er gekommen ist. Er behauptete aber, er sei ein Bürger von Bordeaux.
Es kam aber sieben Jahre vorher nach Tours auch noch ein andrer großer Betrüger, der viele durch seine Arglist täuschte. Er trug einen Rock ohne Ärmel3 und darüber einen Mantel von Baumwolle, in der Hand führte er ein Kreuz, von dem Fläschchen herabhingen, die, wie er sagte, heiliges Öl enthielten. Er gab vor, er komme aus Sp.anien und bringe die Reliquien der hochheiligen Märtyrer Vincentius des Diakonen und Felix des Märtyrers. Da es aber bereits Abend war, als er zu der Kirche des heiligen Marünus nach Tours kam, und wir schon beim Mahle saßen, schickte er zu uns und sprach: „Man empfange die heiligen Reliquien". Da es aber dazu schon zu spät am Abend war, ließen wir ihm sagen: „Man lasse die heiligen Reliquien auf dem Altäre ruhen, bis wir am Morgen zu ihrem Empfange ausziehen". Aber schon beim Anbruch der Dämmerung erhob er sich, und ohne uns zu erwarten, zog er mit seinem Kreuze ein und trat in unsere Zelle. Betroffen und seine Keckheit bewundernd fragte ich ihn, was dies bedeuten solle. Er antwortete mir hochmütig und mit stolzem Tone: „Es wäre deine Pflicht, gewesen, uns einen besseren Empfang zu bereiten. Aber ich werde dies zu den Ohren König Chilperichs bringen, und er wird die Geringschätzung ahnden, mit der ich behandelt worden bin." Daraus ging er in die Kapelle und sprach, ohne sich um mich zu kümmern, den ersten, zweiten und dritten Spruch,4 begann selbst das Gebet und brachte es S. 8 zu Ende, erhob wiederum sein Kreuz und zog von dannen. Seine Rede war ungebildet, seine Aussprache garstig, breit und häßlich, auch ging kein vernünftiges Wort aus seinem Munde. Er kam bis nach Paris. Es wurden aber gerade zu dieser Zeit die öffentlichen Bettage gefeiert, die vor dem heiligen Tage der Himmelfahrt des Herrn abgehalten zu werden pflegen5 Als nun Bischof Ragnemod mit seiner Gemeinde feierlich aufzog und die heiligen Stellen der Stadt besuchte, fügte es sich so, daß auch dieser Mensch mit seinem Kreuze daherkam und, dem Volke sich in seiner ungewohnten Tracht zeigend und Huren und Weiber aus der Menge an sich ziehend, sich ein Gefolge bildete und mit dieser seiner Schar ebenfalls an den heiligen Stätten Umzug halten wollte. Der Bischof sandte aber, als er dies sah, seinen Archidiakon zu ihm und sprach: „Bringst du Reliquien der Heiligen, so lege sie für einige Zeit in einer Kirche nieder und feiere die heiligen Tage mit uns, ist aber das Fest vorüber, so magst du deine Straße weiter ziehen." Doch er achtete nicht dessen, was ihm der Archidiakon verkündete, sondern stieß vielmehr Schmähungen und Verwünschungen gegen den Bischof aus. Da nun der Bischof merkte, daß er ein Verführer des Volkes sei, ließ er ihn in eine Zelle sperren. Und als man alles untersuchte, was er mit sich führte, fand man einen großen Sack, der war mit Wurzeln unterschiedlicher Kräuter angefüllt; auch Maulwurfszähne, Mäuse-knochen, Bärenklauen und Bärenfett waren darin. Da dies nun augenscheinlich Zaubermittel waren, ließ der Bischof alles in den Fluß werfen, nahm ihm sein Kreuz und verbannte ihn aus dem Gebiet der Stadt Paris. Dennoch ließ dieser Mensch sich abermals ein andres Kreuz machen und fing sein altes Treiben wieder an; da nahm ihn der Archidiakon fest, ließ ihn in Ketten legen und in den Kerker werfen. Zu dieser Zeit war S. 9 ich selbst nach Paris6 gekommen und hatte meine Herberge bei der Kirche des heiligen Märtyrers Julianus.7 Und in der folgenden Nacht brach jener Bösewicht aus seinem Kerker und flüchtete sich, noch mit den Ketten, in die er geschlossen war, zu der genannten Kirche des heiligen Julianus, wo er auf dem Boden gerade an der Stelle, wo ich meinen Stand zu haben pflegte, niedersank und, von Müdigkeit und Wein überwältigt, einschlief. Wir wußten nicht, was geschehen war, und als wir um Mitternacht uns erhoben, den Gottesdienst zu halten, fanden wir ihn dort schlafend. Es ging aber ein solcher Gestank von ihm aus, daß der Gestank aller Kloaken und Abtritte nichts dagegen ist, und wir konnten vor diesem Gestanke nicht in die heilige Kirche treten. Es hielt sich daher einer der Geistlichen die Nase zu, trat zu ihm und suchte ihn aufzuwecken, aber umsonst; so bettunken war der Bösewicht. Darauf traten vier Geistliche heran, packten ihn mit den Händen und warfen ihn in einen Winkel der Kirche. Sie holten Wasser, wuschen den Boden ab und streuten wohlriechende Kräuter darauf, dann erst traten wir ein, um die Gebete abzuhalten. Aber auch trotz unsres Singens wachte er nicht eher auf, als bis der Tag anbrach und die Sonne hoch am Himmel emporstieg. Darauf überlieferte ich ihn dem Bischof unter der Bedingung, daß ihm kein Leid geschehe. Als aber die Bischöfe in der Stadt Paris zusammenkamen und ich beim Mahle dies erzählte, befahlen wir ihn vorzuführen, um ihm Vorhaltungen zu machen. Als er nun vor uns stand und der Bischof Amelius von Bigorre8 seine Augen erhob, erkannte er in ihm einen seiner Diener, der entwischt war; da gab man ihm denselben unter der Bedingung S. 10 zurück, daß ihm kein Leid geschehe, und er nahm ihn mit sich in seine Heimat.
So gibt es Viele, die nicht Massen, mit solchen Verführungskünsten das unwissende Volk in Irrtum zu bringen. Von ihnen, wie ich meine, gilt das Wort des Herrn im Evangelium: „Es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, daß verführet werden in den Irrtum auch die Auserwählten."9 Doch genug hiervon, wir wollen nun lieber zu unsrem Gegenstände zurückkehren.
Vgl. Apostelgeschichte 8,9. ↩
Errore nigromantici ingenii. Statt von dem griechischen nekros und der Totenbeschwörung leitet Gregor das Wort von niZsr „schwarz" ad und gibt damit einen der ältesten Belege für das Vorkommen einer Etymologie, welche sich durch das ganze Mittelalter, besonders seine letzten Jahrhunderte verfolgen läßt und zur Entstehung unseres Ausdruckes „schwarze Kunst" geführt hat. Vergl. Bonnct, Le latin de Grégoire de Tours 218 Anm. 2. ↩
Colobium; im Gebrauche besonders bei Geistlichen und Mönchen. ↩
Ipse capitellum unum atque alterum ac tercium dicit. Die Bezeichnung ouxittzlluin, esMulum hat in der Geschichte der Liturgie verschiedene Bedeutung. Hier sind wohl kurze Wechselgesänge zwischen einem Vorsänger und dem Chor gemeint, die im Frühgottesdienst standen. ↩
Bd. I. S. 116. Anm. 1. ↩
Wahrscheinlich kamen Gregor und die andren Bischöfe damals wegen der Synode zu Berny. die in das Jahr 660 fällt, nach Paris. B. V. Kap. 49. ↩
B. VI. Kap. 17. ↩
B. VUI. Kap. 28. ↩
Matth. 24, 24. ↩
