27. Vom Tode des Amalo
Herzog Amalo, der seine Gattin in Wirtschaftsangelegen589 heiten nach einem anderen Hofe gesandt hatte, entbrannte in Begier zu einem jungen Mädchen von freiem Stande. Und als er von Wein trunken war, schickte er bei Nacht feine Diener ab, daß sie das Mädchen entführen und in sein Bett bringen sollten. Sie sträubte sich, wurde aber mit Gewalt in seine Wohnung geschleppt; sie schlugen sie in das Gesicht, daß das Blut ihr aus der Nase floß und sie über und über benetzte. Auch das Bett des Herzogs selbst wurde mit Blut befleckt. Er selbst bedachte sie mit Faustschlägen, Maulschellen und anderen Miß-handlungen, umstrickte sie mit seinen Armen und schlief sofort, vom Schlaf überwältigt, ein. Da streckte sie ihre Hand zu Häupten des Mannes aus, fand dort sein Schwert, zog es aus der Scheide, und traf mit männlichem Streich sein Haupt, gleich wie Judith das des Holofernes. Er schrie auf, und seine Diener liefen herbei. Als sie aber das Mädchen töten wollten, rief er dazwischen und sprach: „Tötet sie nicht, ich bitte euch. Denn ich habe gefehlt, der ich der Keuschheit Gewalt antun wollte. Sie aber, die ihre Reinheit zu wahren suchte, soll kein Leid erfahren". Mit diesen Worten starb er. Und da das Hausgesinde sich versammelte und über ihn wehklagte, entkam mit Gottes Hilfe das Mädchen aus dem Hause und machte sich bei S. 46 Nacht auf den Weg nach der Stadt Chalon, welche etwa 35 Meilen(1) von jenem Orte entfernt ist. Sie begab sich dort in die Kirche des heiligen Marcellus, warf sich dem Könige zu Füßen und erzählte ihm alles, was sie erlitten. Da schenkte der mitleidige König ihr nicht nur das Leben, sondern ließ ihr auch einen königlichen Befehl zufertigen, daß sie in seinem Schutz stehe und ihr von keinem der Angehörigen des Verstorbenen jemals in irgendeiner Weise ein Leid zugesügt werden dürfe. Wir haben auch erfahren, daß durch Gottes Beistand die Keuschheit des Mädchens in keiner Weise von ihrem gewalttätigen Entführer verletzt worden ist.
