10. Vom Ende des Gunthramn Boso
Während dieser Vorgänge sandte König Gunthramn abermals an seinen Neffen Childebert und sprach: „Laß allen Verzug und komme, daß ich dich sehe. Denn es ist unumgänglich nötig sowohl für die Sicherheit deines Lebens^als für die Wohlfahrt des Staats, daß wir uns zu Gesicht bekommen". Da jener dies vernahm, nahm er seine Mutter, seine Schwester und seine Gemahlin mit sich und machte sich auf den Weg und Novbr. hielt mit seinem Oheim eine Zusammenkunft.
Es war aber daselbst auch Magnerich, der Bischof der Stadt Trier1 zugegen. Desgleichen erschien auch Gunthramn Boso, der dem Bischof Agerich von Verdun anvertraut worden war2 Doch war der Bischof selbst, der sich für ihn verbürgt hatte, nicht zugegen; denn man war übereingekommen, daß er, ohne daß sich jemand seiner annähme, vor dem Könige erscheinen sollte, damit, wenn dieser bestimmte, er müsse sterben, er nicht vor Leibes Schaden durch den Bischof bewahrt würde, wenn der König ihm aber das Leben schenkte, er los und ledig von dannen zöge. Als nun die Könige zusammengekommen waren, wurde er mannigfacher Vergehen schuldig befunden, und der Befehl erlassen, S. 16 ihn zu töten. Als er dies vernahm, flüchtete er sich zu der Herberge des Bischofs Magnerich, schloß die Türen, entfernte von ihm seine Geistlichen und Diener und sprach: „Ich weiß, heiliger Bischof, daß du in hohen Ehren bei den Königen stehst, und flüchte mich jetzt zu dir, daß ich ihrem Zorne entgehe. Denn siehe, die Mörder stehen vor der Türe. Wisse also, daß, wenn du mich nicht rettest, ich erst dich töte, ehe ich hinausgehe und sterbe. Davon sei fest überzeugt, entweder trifft uns ein Tod, oder es bleibt uns beiden das Leben. O heiliger Bischof, ich weiß, daß du gleich dem Könige selbst seines Sohnes Vater bist3 und es ist mir wohlbekannt, daß du alles, was du von ihm erbittest, erlangst. Er wird dir, heiliger Vater, daher nicht versagen können, was du von ihm forderst. Erwirke mir also entweder Verzeihung, oder wir wollen beide sterben". So sprach er und hatte schon sein Schwert gezückt. Aus der Fassung gebracht durch das, was er hören mußte, sprach der Bischof: „Was kann ich tun, wenn du mich hier festhältst? Laß mich los, daß ich hingehe und die Gnade des Königs anflehe. Vielleicht wird er sich deiner erbarmen". „Mit Nichten", sprach jener, „sondern sende deine Äbte und Vertrauten dorthin, sie mögen berichten, was ich dir sage." Aber es wurde dem Könige nicht so gemeldet, wie es in der Tat war, sondern man sagte ihm, der Bischof wolle Gunthramn schützen. Da wurde der König zornig und sprach: „Will der Bischof nicht seine Herberge verlassen, so möge er zugleich mit jenem Treulosen umkommen". Da dies der Bischof vernahm, sandte er Boten an den König, und als sie alles berichtet hatten, sprach König Gunthramn: „Werfet Feuer in das Haus, und kann der Bischof nicht entkommen, so mögen sie beide verbrennen". Da dies die Geistlichen vernahmen, erbrachen sie die Türe mit Gewalt und rissen den S. 17 Bischof heraus. Als nun der Bösewicht sah, daß von beiden Seiten die hohen Flammen über ihm zusammenschlugen, trat er, mit dem Schwerte umgürtet, an die Türe. Sobald er aber über die Schwelle des Hauses trat und den Fuß heraussetzte, warf einer aus der Menge seine Lanze nach ihm uud traf ihn an die Stirne. Von diesem Wurfe betäubt, versuchte er noch, wie von Sinnen, sein Schwert gegen jenen zu ziehen, aber von den Umstehenden trafen ihn viele mit ihren Speeren dergestalt, daß die Spitzen ihm in der Seite stecken blieben und die Schäfte ihn in aufrechter Stellung hielten, so daß er nicht zu Boden stürzen konnte. Es wurden noch einige andre, die bei ihm waren, getötet und mit ihm auf den Anger geworfen. Nur mit Mühe erlangte man es von den Fürsten, daß sie ein Grab in der Erde fanden4 — Er war ein leichtfertiger Mensch in allen seinen Handlungen, voll von Habgier, über die Maßen nach fremdem Gute lüstern, allen schwur er, niemandem hielt er sein Versprechen5 Sein Weib und seine Kinder wurden verbannt und sein Vermögen für den königlichen Schatz eingezogen. Eine Menge Gold und Silber sowie mannigfache Kleinodien fanden sich in seiner Schatzkammer. Aber auch was er in der Erde vergraben hatte, weil das böse Gewissen ihm über seine Schlechtigkeit keine Ruhe ließ, blieb nicht in seinem Versteck. Er machte sich viel mit Wahrsagern zu tun, ließ sich die Lose werfen und meinte, so die Zukunft zu erforschen6 doch es half ihm zu Nichts.
B. VIII.KaP.12.37. ↩
Kap. 8. ↩
Geistlicher Vater. Taufpate. B. VHI. Kap. 37. Vgl. Bd. H. S. 42. Anm. 1. ↩
Dem Verbrecher wird das ehrliche Begräbnis verweigert, ebenso wie man den Leichnam des Übeltäters nicht aus der Türe trägt, sondern bei einem Loch unter der Schwelle -um Hause hinauszieht. Vgl. oben S. 13 und Bd. ü. S. 302. Anm. 1. ↩
Dasselbe sagt Gregor von Gunthramn B. V. Kap. 14. ↩
Vgl. auch hierüber v. V Kap. 14. ↩
