22. Von der Seuche in der Stadt Marseille
S. 41 Da ich oben erzählt habe, daß die Stadt Marseille damals von einer sehr schlimmen Krankheit heimgesucht wurde, so will ich doch ausführlicher erzählen, wie schwere Leiden sie erduldete. Es war gerade in jenen Tagen Bischof Theodorus(1) zum König gereist, um ihm Klagen gegen den Patricius Nicetius(2) vorzubringen. Da er aber bei König Childebert in dieser Sache kein Gehör fand, beschloß er, in seine Heimat zurückzukehren. Inzwischen war ein Kauffahrteischiff aus Spanien im Hafen von Marseille eingelaufen nnd hatte traurigerweise den ansteckenden Keim dieser Krankheit mit sich gebracht. Als nun viele Bürger verschiedenes von dem Schiffe kauften, brach sofort in einem Hause, das von acht Seelen bewohnt war, die Krankheit aus, die Bewohner wurden von ihr hingerafft, und das Haus starb ganz aus. Doch verbreitete sich die verzehrende Seuche nicht sofort wie ein Lauffeuer über alle Häuser, sondern es ging einige Zeit hin, und dann erst erfaßte sie die ganze Stadt, gleichwie ein Feuer, das in ein Saatfeld geworfen wird. Dennoch kehrte der Bischof nach der Stadt zurück, hielt sich mit den wenigen, die damals bei ihm ausharrten, in den Mauern der Kirche des heiligen Victor auf und flehte dort, solange die Pest in der Stadt wütete, unablässig mit Beten und Wachen die Barmherzigkeit Gottes an, daß endlich das Verderben ein Ende nehme und das Volk wieder in Ruhe und Frieden leben dürfe. — Als dann diese Plage schon gut zwei Monate aufgehört hatte und das Volk sorglos zur Stadt zurückkehrte, brach die Krankheit abermals aus, und es starben jetzt die, welche zurückgekehrt waren. Die Stadt wurde auch in der Folge noch vielfach von diesem verheerenden Übel heimgesucht.
