9. Von Rauchings Ende
Hierauf machte Rauching1 mit den Edlen im Reiche Chlothars, Chilperichs Sohn, einen Bund. Er gab zwar vor, es gälte den Landfrieden zu erhalten, daß die Streitigkeiten und Räubereien an den Grenzen beider Reiche ein Ende nähmen; in der Tat aber war ihre Absicht, König Childebert zu ermorden, und dann sollte Rauching sich seines ältesten Sohnes Theudebert und der Herrschaft über die Champagne bemächtigen, Ursio aber und Bertefred2 Childeberts jüngeren Sohn, der eben erst geboren und Theuderich genannt war,3 in ihre Gewalt bringen und das übrige Reich regieren, ohne König Gunthramn Gewalt zu lassen. Sie führten auch viel Böses gegen die Königin Brunichilde im Sinn, um sie in Schmach und Schande zu stürzen, wie sie schon früher seit der Zeit ihres Witwenstandes immer getan hatten.
Rauching traf auch bereits, stolz auf seine gewaltige Macht, und sich schon, so zu sagen, im Glanz der königlichen Herrlichkeit brüstend, Vorkehrungen zur Reise, um sich zu König Childebert zu begeben und den Plan, den er angelegt hatte, ins Werk zu setzen. Doch der gütige Gott hatte indessen ein Gerücht von diesen Dingen zu den Ohren König Gunthramns gelangen lassen, und dieser sandte heimlich Boten an König Childebert, teilte ihm alle diese Anschläge mit und sprach: „Beeile dich, daß wir uns bald zu Gesicht bekommen, denn es gibt wichtige Dinge zu besprechen". Aber Childebert ließ allem genau nachforschen, S. 13 was ihm gemeldet worden war, und da er befand, daß es wahr sei, hieß er Rauching zu sich bescheiden. Als er eintraf, erließ der König, ehe er ihn noch vor seine Augen hatte kommen lassen, Befehl und sandte seine Diener aus, denen überall Beförderungsmittel zur Verfügung gestellt werden mußten4 daß aller Orten Rauchings Besitztümer mit Beschlag belegt werden sollten. Dann hieß er ihn in sein Gemach einlassen, sprach mit ihm von diesem und jenem und hieß ihn sich wieder entfernen. Und als er heraustrat, faßten ihn zwei Türsteher an den Beinen, und er stürzte auf den Türstufen nieder, so daß der eine Teil des Körpers nach innen, der andere aber nach außen fiel. Sogleich warfen sich die, welche zum Morde bestellt waren und schon bereitstanden, mit Schwertern auf ihn und zerhieben ihm den Kopf derart, daß die ganze Masse wie Hirn aussah. So starb er zur Stunde. Dann zogen sie ihn aus, warfen ihn aus dem Fenster5 und bestatteten ihn. Er war ein Mann von höchst leichtfertigen Sitten, über alles Maß lüstern und nach fremdem Gute begehrlich, auf seinen Reichtum gewaltig stolz und so hochfahrend, daß er sich noch im Augenblick seines Todes ein Sohn König Chlothars zu sein rühmte. Es wurde auch viel Gold bei ihm gefunden. Nach seinem Tode eilte einer seiner Leute spornstreichs davon und meldete seinem Weibe, was da geschehen war. Diese6 aber zog gerade zu Soissons über die Straße, hoch zu Roß, mit prächtigem Geschmeide und kostbaren Edelsteinen geziert und bedeckt mit schimmerndem Golde, vor ihr her gingen Diener, und andere folgten ihr, und so begab sie sich zu S. 14 der Kirche der Heiligen Crispinus und Crispinianus, um dort der Messe beizuwohnen, denn es war gerade der Leidenstag der seligen Märtyrer. Als sie aber den Boten sah, bog sie sofort nach einer andren Straße um, warf ihr Geschmeide zur Erde und flüchtete sich in die Kirche des heiligen Bischofs Medard; denn dort, meinte sie, würde sie unter dem Schutze des heiligen Bekenners sicher sein. Die Leute aber, die vom König nach Rauchings Sachen abgesandt waren, fanden in seiner Schatzkammer Reichtümer, wie man sie nicht einmal in dem königlichen Schatze antreffen konnte, und brachten alles zum Könige. Gerade an dem Tage, als Rauching ermordet wurde, waren viele Leute aus Tours und Poitiers beim Könige, und man hatte es mit diesen übel im Sinne. Denn wenn der Anschlag auf das Leben des Königs gelungen wäre, wollte man sie auf die Folter bringen und sprechen: „Einer von Euch war es, der unsren König getötet hat", sie unter mannigfachen Qualen hinrichten lassen und sich den Anschein geben, als habe man den Tod des Königs gerächt. Aber der allmächtige Gott machte ihre Ratschläge zunichte, weil sie böse waren, und erfüllte, was geschrieben steht: „Wer eine Grube macht, der wird darein fallen."7 An Rauchings Stelle wurde Magnovald zum Herzog ernannt.
Schon hatten indessen auch Ursio und Bertefred, die für sicher hielten, daß Rauching, was sie besprochen hatten, zur Ausführung bringen werde, ein Heer gesammelt und zogen heran. Da sie aber vernahmen, daß er solchergestalt umgekommen war, verstärkten sie noch die Schar, die sie um sich gesammelt hatten, und schlossen sich mit aller ihrer Habe in einer festen Stellung in dem Gau von Woevre8 ein, welche ganz nahe bei Ursios S. 15 Hofe lag, denn sie hatten ein böses Gewissen. Und sie waren gewillt, wenn König Childebert etwas gegen sie unternehmen sollte, sich mit Gewalt gegen sein Heer zu verteidigen. Anführer aber und Anstifter dieses Verbrechens war Ursio. Die Königin Brunichilde aber schickte Botschaft an Bertefred und ließ ihm melden: „Sage dich los von jenem Bösewicht, und du sollst dein Leben behalten; wo nicht, wirst du mit ihm sterben." Die Königin hatte nämlich seine Tochter aus der Taufe gehoben und wollte deshalb gnädig mit ihm verfahren. Er aber sprach: „Wenn mich der Tod nicht von ihm reißt, werde ich ihn nimmer verlassen."
B. V. Kap. 3, B. vm. Kap. 26. 29. ↩
Vgl. B. VI. Kap. 4. ↩
Kap. 4. Bon Rauchings Ende. ↩
Datis litteris et pueris distinatis cum evectione publica. Aus römischer Zeit hat sich die Verpflichtung der Untertanen erhalten, allen mit entsprechender königlicher Vollmacht (evectio) versehenen Personen unentgeltlich Unterhalt zu gewähren, Pferde zu stellen und Spanndienste zu leisten. Vgl. G. Waitz, Deutsche Verfassungsgeschichte II 2,296sf.; H. Brunner, Deutsche RG. II, 229ff. ↩
Vgl. Bd. II. S. 902. Anm. 1. ↩
Sie war früher dem Godin vermählt. B. V. Kap. 9. ↩
Sprüche Salom. 26,27. ↩
Zwischen Maas und Mosel, östlich von Verdun: vielleicht ist die 0ote äss Neurin bei k'rssnsZ eu gemeint, vgl. A. Longnon, OsoZrnptüe äe Is. Osule a.u 6. sieols 373 ff. ↩
