19. Vom Ende des Sichar von Tours
Der Kampf zwischen den Einwohnern von Tours, von 588 dessen Beendigung wir oben erzählt haben,(1) erhob sich wiederum mit erneuter Wut. Sichar hatte nämlich mit Chramnesind, obwohl er ihm seine Verwandten erschlagen, innige Freundschaft geschlossen, und sie liebten einander so herzlich, daß sie oftmals zusammen ihr Mahl verzehrten und auf einem Lager beisammen schliefen. Als daher einst Chramnesind ein Nachtmahl anstellte, lud er Sichar zu diesem Gelage ein. Sichar kam, und sie saßen zusammen bei Tische. Sichar erlaubte sich aber, vom Wein erhitzt, gegen Chramnesind viele herausfordernde Reden und brach zuletzt, wie man erzählt, in folgende Worte aus: „Großen Dank, mein herzliebster Bruder, habe ich von dir dafür verdient, daß ich dir deine Verwandten erschlagen; denn du hast das Wergeld für sie empfangen, und nun ist in S. 28 deinem Hause Gold und Silber in Fülle ; arm aber und dürftig würdest du jetzt leben, hätte dies dich nicht etwas zu Kräften gebracht." Dies hörte jener, die Worte erfüllten ihm den Sinn mit Bitterkeit, und er sprach in seinem Herzen: „Wenn ich den Tod meiner Verwandten nicht räche, so bin ich nicht wert ferner ein Mann zu heißen; ein feiges Weib muß man mich nennen." Sofort löschte er die Lichter aus und spaltete jenem mit seiner Klinge den Kopf. Sichar stieß im letzten Augenblicke noch einen schwachen Schrei aus, dann sank er nieder und starb. Die Diener aber, die mit ihm gekommen waren, entflohen. Chramnesind riß darauf dem Leichnam die Kleider ab und hing ihn so an den Pfahl einer Zaunhecke(1) dann bestieg er sein Pferd und eilte zum Könige(2). Er ging sofort in die Kirche, warf sich dem Könige zu Füßen und sprach: „Ich bitte dich um mein Leben, ruhmreicher König, denn ich habe die erschlagen, die meine Verwandten heimlich getötet und alle meine Habe mir genommen haben." Und da er alles vollständig berichtete, hörte die Königin Brunichilde voll Unwillen, daß Sichar, der unter ihrem Schutze stand, so ums Leben ge-kommen sei, und sie fing an ihrem Zorne gegen ihn Luft zu machen. Da jener sah, sie sei wider ihn, begab er sich nach dem Ort Bonges(3) in dem Gebiete von Bourges, in dem auch S. 29 seine Verwandten lebten, weil er in dem Reiche König Gunthramns lag.
Tranquilla, die Ehefrau des Sichar, ließ ihre Kinder und die Habe ihres Mannes im Gebiet von Tours und Poitiers zurück und ging zu ihren Verwandten nach dem Dorfe Mauriopes(1), wo sie sich abermals verheiratete. Es endete aber Sichar mit etwa zwanzig Jahren; er war ein leichtfertiger Mensch, ein Trunkenbold und Mörder, der manchem in der Trunkenheit Gewalt antat. Chramnesind machte sich später noch einmal zum Könige auf den Weg, und sein Urteil fiel dahin aus, er sollte dartun, daß er Sichar aus Notwehr erschlagen habe, was er auch tat. Da aber die Königin Brunichilde, wie wir oben bereits erzählten, Sichar unter ihren Schutz genommen hatte, befahl sie das Vermögen Chramnesinds einzuziehen, doch wurde es ihm in der Folge von dem Haushofmeister(2) Flavianu(3) zurückgegeben. Denn Chramnesind begab sich nach Agen(4) und erwirkte von ihm einen Brief, daß ihm niemand etwas anhaben sollte. Dem Flavianus war nämlich sein Vermögen von der Königin zuerteilt worden.
