15.
Nachdem wir dies zur Genüge erörtert haben, wollen wir sehen, was weiter folgt. Nachdem der Jüngling von dem verliebten Weibe so bei dem Herrn verleumdet war, da sie Beschuldigungen erdichtete und gegen ihn erhob wegen eines Vergehens, dessen sie sich selbst schuldig gemacht hatte, wurde er, ohne die Möglichkeit einer Rechtfertigung erlangt zu haben, ins Gefängnis abgeführt. In dem Gefängnis aber zeigte er so hohe Tugenden, dass auch die schlimmsten Gefangenen von Bewunderung ergriffen wurden und in ihm einen Schutz und Trost in ihrem Unglück gefunden zu haben glaubten. Von welcher Roheit und Härte die Gefängniswärter gewöhnlich zu sein pflegen, weiss jeder; sie sind von Natur gefühllos, und durch die Gewohnheit wird ihre Roheit jeden Tag noch mehr gesteigert, da sie niemals auch nur zufällig irgend etwas Gutes sehen oder reden oder tun, sondern immer nur schlimme und gewalttätige Dinge. Denn sowie die körperlich gut Gebauten, wenn sie die nötige Übung in der Athletenkunst erlangt haben, sehnig werden und unwiderstehliche Kraft und ausserordentliche Gewandtheit erwerben, ebenso wird eine rohe und harte Natur, wenn sie noch mehr Übung in der Grausamkeit bekommt, ganz und gar unzugänglich dem Mitleid, dieser edlen und' menschenfreundlichen Empfindung. Sowie nämlich die Menschen, die mit den Guten umgehen, ihren Charakter verbessern, wenn sie Gefallen finden an dem Umgang, so nehmen die auch, die mit den Schlechten zusammenleben, etwas von deren Schlechtigkeit an; denn die Macht der Gewohnheit ist so stark, dass sie (Gegensätze) ausgleicht und es dahin bringt, dass sie zur Natur wird. Nun leben die Gefängniswärter zusammen mit Dieben, Spitzbuben, Einbrechern, Frevlern, gewalttätigen Menschen, Verführern, Mördern, Ehebrechern, Tempelräubern; von allen diesen eignen sie sich etwas Schlechtigkeit an und bilden aus dieser bunten Mischung schliesslich eine Einheit von Bosheit und Verruchtheit.
