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Er aber seufzte schwer auf und sprach: „Wen soll ich zuerst bedauern? den vorletzten, den nicht zuletzt, sondern zuerst das Unglück ereilt hat? oder den zweiten, der die zweite Art von Unglück erleidet, Gefängnis statt des Todes? oder den jüngsten, der die verwünschte Reise unternehmen soll, falls er wirklich reisen sollte, nicht gewarnt durch das Missgeschick der Brüder? Ich aber werde stückweise auseinandergerissen — Teile der Eltern sind ja die Kinder — und laufe Gefahr in Kinderlosigkeit zu geraten, nachdem ich bis vor kurzem für kinderreich und kindergesegnet gehalten worden bin". Da sprach der Älteste (der Söhne): „Zum Pfande gebe ich dir die beiden einzigen Söhne, die ich gezeugt habe; töte sie, wenn ich dir den in meine Hände gegebenen Bruder nicht wohlbehalten zurückbringe, dessen Reise nach Ägypten uns zwei sehr grosse Vorteile verschaffen wird, erstens den klaren Beweis, dass wir nicht Kundschafter und Feinde sind, zweitens die Möglichkeit, den im Gefängnis sitzenden Bruder zurückzuerhalten". Der Vater war aber sehr betrübt und sagte, dass er Redenken trage (Für άγνοεϊν ist wohl άποκνεϊν zu lesen.), weil doch von den zwei von derselben Mutter geborenen Söhnen der eine bereits tot sei und der andere verwaist und einsam Zurückgelassene die Reise scheuen und lebend vor Angst sterben werde in der Erinnerung an das Schreckliche, das der Ältere erlitten. Da er so sprach, wählten sie den kühnsten und zum Herrschen von Natur am meisten befähigten und redegewandtesten (der Brüder) — es war aber dem Alter nach der vierte — zu ihrem Dolmetsch und überredeten den Vater endlich, dass er ihrer aller Meinung beitrat. Ihre Meinung aber ging, da die notwendigen Lebensmittel fehlten — denn der zuerst gebrachte Getreidevorrat ging schon aus —, der Hunger also mächtig drängte, natürlich dahin, zu neuem Getreidekauf abzureisen, aber nicht zu reisen, wenn der Jüngste zurückblieb; denn der Landesverweser habe ihnen verboten, ohne ihn zu kommen. Da er nun als weiser Mann bedachte, dass es besser ist, einen der Ungewissheit und dem Schwanken der Zukunft preiszugeben, als so viele dem sicheren Verderben auszusetzen, das über jedes Haus kommen muss, das von Hungersnot, dieser unheilbaren Krankheit, bedrängt ist, so sprach er schliesslich zu ihnen: „Wenn die Not stärker ist als mein Wille, so muss man ihr nachgeben. Vielleicht, ja vielleicht hat die Natur (Hier ebenso wie § 38 gleichbedeutend mit „göttlicher Vorsehung".) irgend etwas Besseres vor, was sie unserm Geiste noch nicht kundtun will. Nehmet also auch den Jüngsten (mit euch), wie es eure Absicht ist, und reiset, jedoch nicht in derselben Weise wie das vorige Mal; denn damals brauchtet ihr nur Geld zum Getreidekauf, da ihr nicht bekannt waret und noch nichts Schlimmes erfahren hattet, jetzt aber auch Geschenke, aus drei Gründen, einmal um den Herrn und Aufseher des Getreideverkaufs zu versöhnen, von dem ihr gekannt seid, wie ihr sagt, sodann um den gefangenen Bruder schneller wiederzuerhalten, wenn ihr ein grosses Lösegeld für ihn erleget, endlich um den Argwohn der Kundschafterei möglichst vollständig zu beseitigen. Nehmet also von allem, was unser Erdboden hervorbringt, eine Ehrenspende und überbringet sie dem Manne und dazu das doppelte Geld, das euch das erste Mal zurückgegebene, was vielleicht nur durch Unkenntnis eines (Beamten) geschah, und anderes ausreichendes zu neuem Getreidekauf. Nehmet aber auch meine Wünsche mit euch, die ich an den hilfreichen Gott richte, dass ihr als Fremdlinge bei den Landesbewohnern gute Aufnahme finden und wohlbehalten zurückkehren und die notwendigen Unterpfänder, die beiden Söhne, dem Vater zurückbringen möget, den im Gefängnis zurückgelassenen und den in allen Dingen unerfahrenen jüngsten, den ihr jetzt mit euch nehmet". So brachen sie denn auf und eilten nach Ägypten.
