31.
Als aber einer einen Sack öffnete, sah er an der Öffnung einen mit Geld gefüllten Beutel; wie er nachzählt, findet er, dass das ganze Kaufgeld, das er für das Getreide erlegt hatte, ihm zurückgegeben ist, und erschrocken erzählt er es den Brüdern. Diese argwöhnen nicht eine Gnade, sondern eine Hinterlist, werden ängstlich und wollen zuerst alle Säcke durchsuchen, aber aus Furcht vor Verfolgung brechen sie schleunigst auf, rennen beinahe atemlos davon und legen einen Weg von vielen Tagen in kürzester Frist zurück. Dann warfen sie sich einer nach dem andern weinend in die Arme des Vaters und umschlangen und küssten ihn leidenschaftlich, während sein Herz bereits Unangenehmes ahnte; denn sowie er sie wahrnahm, als sie herankamen und ihn begrüssten, erhob er schon gegen den zurückgebliebenen Sohn, als ob er sich verspätet hätte, Klage wegen seiner Langsamkeit und blickte immerfort auf den Eingang in dem Wunsche, die Kinder vollzählig zu sehen. Da aber keiner mehr hineinkam und die Söhne ihn von Angst erfüllt sahen, sprachen sie endlich: „Lieber Vater, schlimmer als die Kenntnis des Unangenehmen ist der Zweifel; denn wenn man es weiss, findet man auch einen Weg zur Abhilfe, der Zweifel aber und die Ungewissheit verursacht nur Schwierigkeiten und Verlegenheiten. So vernimm denn eine sehr schmerzliche Nachricht, die aber verkündet werden muss. Der mit uns zum Getreidekauf gesandte und nicht zurückgekehrte Bruder lebt — wir müssen dich gleich von der grösseren Furcht, dass er tot sei, befreien —; lebend verweilt er in Ägypten bei dem Landesverweser, der entweder infolge einer Verleumdung oder aus eigenem Argwohn uns beschuldigte, dass wir Kundschafter seien. Als wir uns dagegen in angemessener Weise verteidigten und ihm von dir, unserm Vater, erzählten und von den übrigen Brüdern, einem toten und einem bei dir weilenden, der, so sagten wir, noch jung und deswegen zu Hause geblieben sei, als wir so alles über unsere Verwandtschaft enthüllten und offenbarten, um den Argwohn zu beseitigen, richteten wir doch nichts aus; er sagte vielmehr, dass er unserer Verteidigung nur Glauben schenken werde, wenn der jüngste Knabe zu ihm komme; und deshalb behielt er auch den zweiten als Geisel und Unterpfand für den jüngsten zurück. Dieser Befehl ist der allerunangenehmste, aber die Verhältnisse gebieten es noch mehr als der Befehlende: man muss ihm notgedrungen gehorchen wegen der Lebensmittel, die Ägypten allein den vom Hunger Bedrängten darbietet".
