1.
LEBENSBESCHREIBUNG DES STAATSMANNES, ODER ÜBER JOSEPH
Drei Dinge sind es, durch die das höchste Ziel (d.h. das Ideal des Weisen nach stoischer Anschauung.) erreicht wird, Unterricht, Naturanlage, Übung, und die drei ältesten Weisen (die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob.) sind nach Moses die Vertreter dieser Dinge. Nachdem ich deren Leben beschrieben habe, nämlich das durch Belehrung, das durch Selbstunterricht und das durch Übung gewonnene, will ich als viertes in der Reihe das staatsmännische Leben schildern, als dessen Vertreter er ebenfalls einen von den Stammvätern darstellt, der von Jugend auf dazu herangebildet wurde. Die erste Vorbereitung empfing er im Alter von siebzehn Jahren durch die Lehren betreffend die Leitung von Viehherden, die mit denen der Staatskunst übereinstimmen, weshalb wohl auch die Dichter die Könige „Hirten der Völker" zu nennen pflegen; denn wer sich in der Führung von Herden bewährt hat, dürfte wohl auch ein sehr guter König sein, da er bei den geringerer Fürsorge bedürftigen Herden Belehrung über die Sorge für die vorzüglichste Herde von Lebewesen, für die Menschen, empfangen hat; und wie für den künftigen Heerführer und Feldherrn die Jagdübungen eine sehr notwendige Vorbereitung sind, ebenso ist für solche, die Hoffnung haben einstmals die Leitung eines Staates zu übernehmen, der Hirtenberuf sehr geeignet als Vorübung für die Stellung eines Oberhauptes und Feldherrn. Da nun sein Vater eine edle und aussergewöhnliche Sinnesart in ihm entdeckte, erstaunte er darüber und gab acht auf ihn und liebte ihn mehr als die andern Söhne (Vgl. Josephl. Altert. II § 9: „Den Joseph liebte Jakob sowohl wegen seiner körperlichen Schönheit als wegen der Vortrefflichkeit seiner Seele, denn er zeichnete sich durch Einsicht aus, mehr als die andern Söhne".), zumal er ein Spätgeborener war, ein Umstand, der ganz besonders zur Steigerung der Zuneigung beiträgt; und als Schönheitsfreund förderte er die natürliche Anlage des Knaben durch besondere und ausserordentliche Sorgfalt, damit sie nicht nur (wie Feuer in der Asche) glimme, sondern schneller hervorleuchte.
