29.
Als er so von sich wie von einem Toten die Brüder, die ihn verkauft hatten, sprechen hörte, was musste er da in seiner Seele empfinden? Wenn er auch das Gefühl, das ihn überkam, jetzt nicht laut werden liess, sondern nur im Innern durch diese Reden heftig erregt und warm wurde, so erwiderte er ihnen gleichwohl in tiefer Bewegung: „Wenn ihr wirklich nicht gekommen seid, um das Land auszukundschaften, müsst ihr, damit ich euch glauben kann, eine Zeitlang hier verweilen, euer jüngster Bruder aber mag durch Briefe berufen werden und herkommen. Wenn ihr aber des Vaters wegen, der vielleicht ob eurer langen Abwesenheit ängstlich sein wird, eiligst abreisen wollt, so ziehet ihr andern alle ab und einer mag als Geisel hier bleiben, bis ihr mit dem Jüngsten zurückkehret; wenn ihr aber nicht gehorchet, wird die höchste Strafe zur Anwendung kommen, der Tod". Mit dieser Drohung entfernte er sich finster blickend und mit allen Zeichen anscheinend schweren Zornes. Sie aber waren von Sorge und Trauer erfüllt und machten sich Vorwürfe wegen ihres hinterlistigen Anschlages gegen den Bruder und sprachen: „Jenes Unrecht ist die Ursache unseres gegenwärtigen Unglücks, da die Gerechtigkeit, die Lenkerin der menschlichen Geschicke, jetzt offenbar etwas gegen uns vorhat; denn wenn sie auch kurze Zeit sich still verhält, so erwacht sie doch bald wieder und zeigt ihre harte und unerbittliche Natur den Strafwürdigen. Denn wie sollten wir nicht Strafe verdienen? Wir Erbarmungslosen, die wir den bittenden und uns anflehenden Bruder mit Verachtung ansahen, der nichts verbrochen und nur seine Traumerscheinungen uns als seinen nächsten Verwandten berichtet hatte; darum haben wir brutale und rohe Menschen ihm gezürnt und eine ruchlose Tat — so muss man sie wahrheitsgemäss nennen — an ihm verübt. Deshalb müssen wir darauf gefasst sein, dies und noch Schlimmeres zu erleiden, nachdem wir, die wir allein beinahe von allen Menschen (mit Recht) wegen der ausgezeichneten Tugenden unserer Väter, Grossväter und Vorfahren Adlige genannt werden, diesen Adel (ευγένειαν, wie eine Handschrift hat, ist wohl der gewöhnlichen Lesart sυγγένειαν vorzuziehen.) geschändet und eine offenkundige Schmach mit Absicht auf uns geladen haben". Der älteste der Brüder aber, der schon anfangs, als sie den Anschlag berieten, ihnen entgegengetreten war, sagte jetzt: „Unnütz ist die Reue über das, was einmal geschehen ist; ich ermahnte euch, ich flehte euch an, eurem Zorn nicht nachzugeben, indem ich darauf hinwies, wie gross die Freveltat sei; aber statt mir beizustimmen, folgtet ihr eurem unüberlegten Willen. Deshalb erhalten wir jetzt den Lohn für unsere eigenwillige Ruchlosigkeit; untersucht wird jetzt der Anschlag, den wir damals gegen den Bruder ersonnen haben; der ihn aber untersucht, ist nicht ein Mensch, sondern Gott oder das göttliche Wort oder das göttliche Gesetz".
