12. Dem Kampfe gegen den Geist muß der Kampf gegen das Fleisch zum Vorbilde dienen.
Wer im Wettkampfe streitet, wird nur gekrönt, wenn er S. 106 rechtmäßig gestritten hat. Wer die natürlichen Gelüste des Fleisches ausrotten will, muß die ausserhalb seiner Natur liegenden Fehler zuerst zu besiegen sich beeilen. Wollen wir nämlich die Bedeutung der Worte des Apostels erforschen, so müssen wir zuerst die Gesetze und Ordnung beim irdischen Wettstreit kennen lernen, damit wir dann auf diese Weise durch Vergleichung mit diesem lernen können, worüber uns beim geistigen Kampf der selige Apostel durch Anwendung dieses Beispieles belehren wollte. Bei jenen Kämpfen, welche, wie gleichfalls der Apostel sagt, den Siegern eine vergängliche Krone einbringen, herrscht die Sitte, daß Derjenige, welcher die mit dem Vorrechte der Steuerfreiheit geschmückte Krone zu erringen strebt und sich den vollkommenen Arten des Wettkampfes unterziehen will, vorher in den olympischen und pythischen Wettkämpfen seine angeborene Jugendkraft und eine Probe seiner Körperstärke zeige. Ferner wird hiebei sowohl das Urtheil des Vorsitzenden als des ganzen Volkes eingeholt, um festzustellen, ob die jungen Leute, welche sich zu diesem Kampfe gemeldet haben, auch dessen würdig sind und zugelassen werden dürfen. Findet man nach sorgfältiger Prüfung, daß erstens seinem Rufe keine Makel anklebt; zweitens daß das Joch der Sklaverei ihn nicht verunehrt, welches ihn dieses Wettstreites und jedes Kampfes mit ehrlichen Gegnern unwürdig machen würde; drittens daß er würdige Proben seiner Kunst und Tapferkeit aufzuweisen und im Kampfe mit jungen Altersgenossen Erfahrung und jugendliche Kraft gezeigt hat; viertens daß er, fortschreitend von den Ringübungen mit Jünglingen, auf die Erlaubniß des Vorsitzenden hin schon mit volljährigen und durch reife Erfahrung erprobten Männern gerungen hat und im ganzen Verlaufe des Ringkampfes sich ihrer Tüchtigkeit nicht nur gewachsen gezeigt, sondern auch häufig unter ihnen die Siegespalme errungen hat: dann erst wird er für würdig gehalten, zu den ruhmreichen Wettkämpfen zu schreiten, bei denen nur Siegern, und zwar mit vielen Kronen geschmückten, die Erlaubniß zum Kämpfen ertheilt wird. — Haben wir uns nun mit dem weltlichen Kampfe, der uns S. 107 als Beispiel dienen soll, bekannt gemacht, so müssen wir auch die Regeln und Ordnung, in welcher der geistige Kampf sich vollzieht, durch Vergleichung mit jenen kennen lernen.
