34. Welches Studium der Abt Theodor seinen Mönchen empfahl, um Kenntniß in der heiligen Schrift zu erlangen.
S. 126 Als einige Brüder das hell glänzende Licht seiner (des Abtes) Wissenschaft bewunderten und ihn nach dem Sinn einiger Stellen der heiligen Schrift fragten, gab er zur Antwort, ein Mönch, der in die Kenntniß der heiligen Schriften eindringen wolle, dürfe keineswegs seine Mühe auf das Studium der Kommentare verwenden, sondern vielmehr seinen ganzen geistigen Fleiß und seine ganze innere angestrengte Thätigkeit auf die Reinigung von den Sünden des Fleisches hinlenken. Sind diese vertrieben, und ist die Decke der Leidenschaften hinweggenommen, so werden die Augen des Geistes die heiligen Schriften gleichsam naturgemäß zu schauen beginnen. Denn nicht um uns dunkel und unbekannt zu bleiben, sind sie uns durch die Gnade des heiligen Geistes geoffenbart worden, sondern durch unsere Schuld verhüllt die Decke der Sünden die Augen des Geistes und macht uns die Geheimnisse dunkel; sind diese Augen nun wieder der natürlichen Gesundheit zurückgegeben, so reicht schon das Lesen der heiligen Schriften allein vollständig hin, um einzudringen in die wahre Wissenschaft, und man bedarf nicht der Belehrung eines Kommentars, wie auch die leiblichen Augen keine Belehrung nöthig haben, wenn sie nur vom Staar und dem Nebel der Blindheit frei sind. Daber sind denn auch unter den Auslegern selbst so große Meinungsverschiedenheiten und Irrthümer entstanden, weil die meisten, ohne den geringsten Fleiß auf die geistige Reinigung verwandt zu haben, zur Auslegung derselben eilen. Denn in Folge der Ueppigkeit und Unreinheit ihres Herzens bilden sie sich Meinungen, die vom Glauben abweichen oder ihm gar entgegengesetzt sind und ihren eigenen Behauptungen widersprechen. Daher kommt es, daß sie das Licht der Wahrheit nicht zu finden vermögen.
