7. Die Schwäche des Fleisches kann nicht die Reinheit des Herzens verhindern.
Die Schwäche des Fleisches steht der Reinheit des Herzens nicht im Wege, wenn man nur Das beansprucht, was die Schwäche des Fleisches, nicht was die böse Begierlichkeit verlangt. Wir haben erlebt, wie Diejenigen, die von kräftigeren Speisen, die man doch gewöhnlich für die notwendigsten Bedürfnisse in mäßigem Umfange reicht, sich S. 102 enthielten und sich dieselben aus Liebe zur Enthaltsamkeit ganz versagten, leichter unterlagen als Solche, die bei Gelegenheit einer Krankheit dieselben genoßen, ohne dabei das Maß der Genügsamkeit zu überschreiten. Denn die Körperschwäche besitzt die Palme der Enthaltsamkeit, wenn sie dem kranken Leibe wohl die nöthigen Speisen gibt, sich aber doch beim Essen Abbruch thut und nur soviel Nahrung sich gönnt, als nach dem strengen Urtheil der Klugheit zum gewöhnlichen Leben hinreicht, nicht aber was die Begierlichkeit verlangt. Wenn eßbarere Speisen, die der Gesundheit des Leibes förderlich sind, mäßig genossen werden, so benehmen sie damit noch nicht den Glanz der Reinheit. Denn was davon zur Stärkung genossen wird, verzehrt sich durch das Leiden und die Entkräftung, welche die Krankheit mit sich bringt. Daher kann man keinem Zustande die Tugend der Genügsamkeit, noch weniger aber eine vollendete Reinheit absprechen.
